Europas Immerwährender Tanzfestival-Kalender

"River of Joy" der Be Company in Kaunas

Helena Waldmann

Die praktische Übersicht für Tanzkompanien und Touristen zwischen Mittelmeer und Nordkap, zwischen irischen und litauischen Abenteuern – mit echten Körpern für echte Körper. Hier ist die sich ständig aktualisierende Übersicht der Tanzfestivals in Europa und seinen Nachbarn. Klicke auf das Land, in das Du reisen willst, lege den Monat fest, in dem Du es besuchen möchtest. Und los geht’s.

Arnd Wesemann
Arnd Wesemann
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Bienal Arte Flamenco

01/05/2027
(tba)
Málaga /
Spain

tanz nrw

01/05/2027
(tba)
Nordrhein-Westfalen /
Germany

Biennale de la danse

01/03/2027
(tba)
Val de Marne /
France

Tanzbiennale

01/02/2027
(tba)
Heidelberg /
Germany

Biennale Passages

01/11/2026
(tba)
Bielefeld /
Germany

Lens Dans

01/11/2026
(tba)
Barcelona /
Spain

Linkage

29/10/2026
- 02/11/2026
Stara Zagora /
Bulgaria

Coda

01/10/2026
(tba)
Oslo /
Norway

Polish Dance Platform

17/09/2026
- 20/09/2026
Warszaw /
Poland

Wieder ausgeladen: „Russian Roulette“ der litauischen Choreografin Aira Nagineviūtė

Fluidis

Es gibt Festivals für Neuen Zirkus, für den Ballettnachwuchs, den HipHop-Battle. Es gibt Festivals für Flamenco und zeitgenössischen Tanz. Und es gibt Festivals, die fürs Publikum gemacht sind: für das Heimische ebenso wie für Angereiste. Festivals, die sich wie ein Erlebnis anfühlen. „ConTempo“ im litauischen Kaunas ist so eins.

Organisiert wird es von der herrlich umtriebigen Gintarė Masteikaitė. Sie lud eine Performance ein, die am Ufer einer der beiden Flüsse stattfinden sollte, die sich in Kaunas vereinigen, Neris und Nemunas. Die litauische Choreografin Aira Nagineviūtė und ihre Mitstreiterinnen, Erika Vizbaraitė und Arūnas Adomaitis, wollten eine Kalaschnikow in den Baum hängen. Vor dieser Waffe würden sie in einem Baum baumelnd dem Schwebezustand der aktuellen Bedrohung durch Russland ins Auge sehen.

„Russian Roulette“ – nicht in Kaunas, sondern in Vilnius

Fluidis

Dazu kam es nicht. Das Amt des Bürgermeisters teilte der Festivalleiterin Gintarė Masteikaitė mit, dass die Einladung dieses Stücks mit dem vielsagenden Titel „Russisches Roulette“ die Streichung sämtlicher Fördermittel für das Festival im kommenden Jahr zur Folge hätte. Punkt. Ähnliches beschloss auch der Bürgermeister von Klaipėda an der Küste von Litauen. Beide Würdenträger sind ehemalige Milizionäre, also Polizisten aus Zeiten, als Russland noch das Sagen im Land hatte. Beide Herren pflegen gute Beziehungen zu ihrem ehemaligen Arbeitgeber.

Gintarė Masteikaitė

Vidmanto Balkūno

Gintarė Masteikaitė blieb nichts anders übrig, als nachzugeben. Die ausgeladene Choreografin Aira Nagineviūtė schrieb: „Noch vor einem Jahr fand genau diese Aufführung ohne Probleme auf der Mindaugas-Brücke in Vilnius statt. Die Entscheidung der Stadträte von Klaipėda und Kaunas, die Genehmigung für die Aufführung zu verweigern, ist wirklich alarmierend. Es fühlt sich an, als wäre die Stimme des Tanzes zum Schweigen gebracht worden – etwas, das ich nicht einmal zu Sowjetzeiten erlebt habe. Einen solchen Rückschritt jetzt zu erleben, ist sowohl schmerzhaft als auch unverständlich.“

Die alte Polizeiturnhalle in Kaunas

Helena Waldmann

Dabei fühlt sich das Festival „ConTempo“ nicht an wie ein Opfer von Zensur, eher wie ein Abenteuerspielplatz. Da betritt man mitten in Kaunas eine ehemalige Polizeiturnhalle, in der mutmaßlich auch die beiden Bürgermeister von Kaunas und Klaipėda ihre Leibesertüchtigung erhielten.

Krišjānis Sants und Erik Eriksson auf dem „ConTempo“ Festival

Gražvydas Jovaiša

Das Publikum wirbelt hier mit den Tänzern Krišjānis Sants und Erik Eriksson über einen sonnendurchfluteten Holzboden durch den historischen Turnsaal, bis allen, Tänzern wie Zuschauenden, schwindelig wird. Sants und Eriksson fassen sich kreuzweise an den Händen und schleudern ihre Körper im Kreis. Das Publikum weicht aus, sucht Deckung von der Wucht, traut sich bald näher heran, sucht die Umlaufbahn des litauisch-schwedischen Paars mitzubestimmen, Demokratie auszuüben an einem Ort, den kein Tourist je zu sehen bekommt.

„Ultraficción nr. 1 – Fracciones de tiempo“ von El Conde de Torrefiel

Claudia Borgia, Lisa Capasso

„ConTempo“ in Kaunas: Das ist vor allem eine Reise durch die Stadt, die jedes gewöhnliche Sightseeing übertrifft. Das Publikum gelangt in die entlegensten Winkel der alten Stadt, quert die Aleksotas-Brücke, die „längste“ Brücke der Welt. Einst galt hier, an der ehemaligen Grenze Russlands, der julianische Kalender, auf der preußischen Seite gegenüber der gregorianische Kalender. Bei der Überquerung bewältigte man den Zeitunterschied von dreizehn Tagen. Von hier aus geht’s weiter vorbei an einer Verkehrsinsel mit Einkaufszentren und einer noblen Gated Community zu einem verwunschenen Restaurant am Stadtrand von Kaunas, um nach leckerer Stärkung einen Park zu betreten. Dort erlebt man vor einer gewaltigen Leinwand die Kompanie El Conde de Torrefiel aus Barcelona: Mitten durch die Vorstellung treibt sie eine Schafsherde durchs Publikum. Unvergesslich.

Unvergesslich, weil man dieses Festival mehr erinnert als nur die einzelnen Aufführungen. Tanzfestivals wie „ConTempo“ sind Leuchttürme des Tourismus. Sie laden zu einer anderen Art des Reisens ein, abseits üblicher Städtetouren mit Shopping und der Besichtigung von Kirchen, Altstädten, Schlössern. Sie führen Menschen zueinander, lassen körperlich spüren, wie es um die Städte und ihre Kulturen wirklich steht.

Im Bällebad

Helena Waldmann

Stolz zeigt das Tourismusbüro der Stadt Kaunas in einem Werbetrailer zigtausend schwarze Bälle, die über die Straße kugeln: ein Kunstwerk von Paulius Markevičius und seiner Be Company. Sie ließen die schwarzen Bälle während „ConTempo“ aus einem Rohr aus dem Haus des Nationalen Drama Theaters auf die Fußgängerzone fließen, Bälle, die augenblicklich das geschäftliche Treiben in einen Tanz der Passanten verwandelten.

Die schwarzen Kugeln aus Weichplastik wurden gekickt, geworfen, von fünf Fegenden immer weiter gekehrt, über Straßenkreuzungen vor die Reifen wartender Autos und vor die Füße der Kinder, die sich im Bällebad vor den Besen nicht fürchteten, mit Eltern, die diese Kinder nie glücklicher sahen, mit Passanten, die zu Kindern wurden, mit Bettlenden und Kellnernden, die Schulter an Schulter die aus der Choreografie ausbrechenden Bälle wieder zurück ins Geschehen warfen … Kunst, die Bilder erzeugt. Und ein Erlebnis: gerade durch die Wahl der Orte, einer Fußgängerzone, aber auch eines Hangars, einer Waldlichtung, einer Sporthalle: damit Einheimische und Touristen etwas erleben, was so nur die Kunst erleben lässt. Für die Kuratorin Gintarė Masteikaitė ist Kunst – vor allem – ein Instrument der Gastfreundschaft.

„ConTempo“ ist ein Fest, das die gewohnte Geschäftigkeit der Straße und die Ruhe des Waldes unterbricht, kein Festival, das Kunst in ein Theater holt, das sowieso Theater macht. „ConTempo“ wirkt auf die Einheimischen wie eine mögliche Vorstellung dessen, was in ihrer Stadt alles machbar wäre. Fremde glauben gern, dass Kaunas sich das ganze Jahr mit solchen Erlebnissen der Kunst umgibt – ein Umstand, der sonst Großstädten wir wie Berlin die Chance gibt, sich als die meistbesuchte Stadt Europas zu gerieren, mit mehr Partys als Rom Kirchen hat.

Lulleli

„Lulleli“, Europas nördliches Festival auf der Insel Ingøy

Susanne Naess Nielsen

Doch die Kulturpolitik sieht das anders: Große Städte machen große Festivals: das „RomaEuropa“ in Rom, das „Kunstenfestival des Arts“ in Brüssel, die „Ruhrtriennale“ im Ruhrgebiet, „Julidans“ in Amsterdam, das „Zürcher Theaterspektakel“. Sie alle sind dazu da, um zu verkünden, wer im Tanz den höchsten Stellenwert genießt und dass deren Avantgarde in der Lage sei, die Masse der Bürgerschaft Kasse zu bitten. So sorgte etwa die „Dance 2025“ in München unter Tobias Staab mit dem Kollektiv (La)Horde und Trajal Harrel, mit Ankata, dem Labor des Faso Dance Théâtre aus Burkina Faso, mit Marcos Morau und Anne Teresa De Keersmaeker für alle gerade angesagten Big Names, die sich auch auf tanz.dance wiederfinden.

Der Gedanke in Kaunas ist ein anderer: Niemand außer die Eingeweihten kennt all diese großen Namen in der Künstlerschaft. Und geht es wirklich um die Verehrung von Namen? Wichtiger, weil erinnerlicher, ist doch das Erlebnis selbst.

Kunst und Kontrolle

Städtetourismus setzt auf Führungen: durch Prachtbauten, das Sehenswürdige … zu gute bewachten Kunstschätze, erzeugt in Reih und Glied antretende Touristenströme, die durch das Pariser Louvre nach präziser Uhrzeit geschleust werden. Auch in den Theatern und ihren Festivals hat sich diese Art von Organsiation der Massen durchgesetzt:

Im Onassis Stegi, dieser gewaltigen Theaterbühne in Athen, erinnere ich mich spontan nur noch an die Türschließerinnen, die von der Tür aus ins Publikum starren, um jeden Versuch, das Handy auf die Bühne zu richten, sofort zu ahnden.

In den Sophiensälen in Berlin findet Festivals wie „Making Life in the Ruins“ innerhalb des normalen Bühnenprogramms statt, um – so der Anspruch – dem Publikum das Lebensgefühl einer Generation zu bieten, die aus den alten Machtstrukturen der Kontrolle dringend ausbrechen möchte. Aber woran erinnere ich mich? An die doppelte Einlasskontrolle, ein nach dem Scannen der Karte mir angelegtes rosa Bändchen, das einem zweiten Team an der Tür noch einmal zeigt, dass ich den Bühnenraum tatsächlich betreten darf. Kontrolle ist unsere Kultur, denke ich … nicht die Kunst. Nicht das Fest. Wir sind keine Gäste des Festivals, wir sind seine Passagiere.

Bei den „Festspillene i Nord-Norge“ in Harstad

Christine Larssen

Wenn Karneval heißt: Abschied vom Fleisch, heißt Festival dann genau übersetzt: Kein Fest mehr? Kann nicht sein. „ConTempo“ in Kaunas zeigt, dass die Schnitzeljagd von Tanzevent zu Tanzevent von der Innenstadt bis zu entlegenen Parkanlagen den Tanz sehr wohl mit der Gastfreundschaft und dem Tourismus versöhnen kann. Weniger offensichtlich geht es hier um Auslastungszahlen, sondern um Effekte, die Kulturveranstaltungen für die Stadt und für den Tourismus tatsächlich auslösen. Wer später von tanzenden Menschen schwärmt, nicht von historischen Gemäuern, erzählt über einen Ort weit mehr als jeder noch so hübsche Ferienkatalog. Der Trend geht zu kleineren Tanzbegegnungen: zu Reisen nach Harstad im hohen Norden von Nordnorwegen, um ein Tanztreffen der Sami zu erleben. Oder nach Santarcangelo in Italien, einem Ort in den Hügeln unweit von Rimini, um das Lebensgefühl der nächsten Generation tatsächlich unverstellt zu erleben – ein Magnet für die Tanzszene, auch wenn man auf dem Tourismusportal von Santarcangelo dieses wichtige und wohltuende Event noch immer vergeblich zwischen Tagliatelle und Tuffsteinhöhle sucht.