Doch die Kulturpolitik sieht das anders: Große Städte machen große Festivals: das „RomaEuropa“ in Rom, das „Kunstenfestival des Arts“ in Brüssel, die „Ruhrtriennale“ im Ruhrgebiet, „Julidans“ in Amsterdam, das „Zürcher Theaterspektakel“. Sie alle sind dazu da, um zu verkünden, wer im Tanz den höchsten Stellenwert genießt und dass deren Avantgarde in der Lage sei, die Masse der Bürgerschaft Kasse zu bitten. So sorgte etwa die „Dance 2025“ in München unter Tobias Staab mit dem Kollektiv (La)Horde und Trajal Harrel, mit Ankata, dem Labor des Faso Dance Théâtre aus Burkina Faso, mit Marcos Morau und Anne Teresa De Keersmaeker für alle gerade angesagten Big Names, die sich auch auf tanz.dance wiederfinden.
Der Gedanke in Kaunas ist ein anderer: Niemand außer die Eingeweihten kennt all diese großen Namen in der Künstlerschaft. Und geht es wirklich um die Verehrung von Namen? Wichtiger, weil erinnerlicher, ist doch das Erlebnis selbst.
Kunst und Kontrolle
Städtetourismus setzt auf Führungen: durch Prachtbauten, das Sehenswürdige … zu gute bewachten Kunstschätze, erzeugt in Reih und Glied antretende Touristenströme, die durch das Pariser Louvre nach präziser Uhrzeit geschleust werden. Auch in den Theatern und ihren Festivals hat sich diese Art von Organsiation der Massen durchgesetzt:
Im Onassis Stegi, dieser gewaltigen Theaterbühne in Athen, erinnere ich mich spontan nur noch an die Türschließerinnen, die von der Tür aus ins Publikum starren, um jeden Versuch, das Handy auf die Bühne zu richten, sofort zu ahnden.
In den Sophiensälen in Berlin findet Festivals wie „Making Life in the Ruins“ innerhalb des normalen Bühnenprogramms statt, um – so der Anspruch – dem Publikum das Lebensgefühl einer Generation zu bieten, die aus den alten Machtstrukturen der Kontrolle dringend ausbrechen möchte. Aber woran erinnere ich mich? An die doppelte Einlasskontrolle, ein nach dem Scannen der Karte mir angelegtes rosa Bändchen, das einem zweiten Team an der Tür noch einmal zeigt, dass ich den Bühnenraum tatsächlich betreten darf. Kontrolle ist unsere Kultur, denke ich … nicht die Kunst. Nicht das Fest. Wir sind keine Gäste des Festivals, wir sind seine Passagiere.