Das Wunder von Marseille

Bei diesem Rave stürzt die Bühne ein: "Room with a View"

Aude Arago

Die künstlerisch erfolgreichste Ballettkompanie der Welt kommt derzeit aus Marseille. Angeführt wird das Riesenunternehmen von einem dreiköpfigen Kollektiv. Alle dürfen bei den Proben des Ballet National de Marseille dabei sei, selbst die Verwaltung. Die Produktionen treffen den Zeitgeist. Von Lucinda Childs bis zu georgischen Volkstänzen lädt das Kollektiv (LA)HORDE jede und jeden ein, wieder Spaß am Tanz zu haben.

Tanzjournalist in Paris

„We dance together“ steht in Neonschrift über dem Haupteingang des Ballet National de Marseille. Das Wort „dance“ wechselt sich ab mit „fight“. Es leuchtet in roter Farbe: Wir tanzen und kämpfen gemeinsam. So empfangen (LA)HORDE täglich das Personal dieser riesigen Bühne, egal, ob es für die Mitarbeitenden gleich ins Tanzstudio geht oder an den Schreibtisch. Die Botschaft setzt ein Zeichen. Marseille ist ein sozialer Hotspot, ein Konfliktherd in mediterraner Hitze. Es gibt Spannungen, Einwanderung, Bandenkriege, Hitzköpfe natürlich. Vom Rest des Landes abgetrennt durch eine Bergkette, ist die Großstadt eher dem anderen Ufer des Mittelmeers zugewandt als der Hauptstadt mit dem Eiffelturm. Nicht umsonst heißt Frankreichs rebellische Nationalhymne: La Marseillaise.

Wer in diese alte Phönizierstadt übersiedelt, muss sich erst einmal an multikulturelles Gewimmel, den Lärmpegel und rüde Umgangsformen gewöhnen. Genauso wie an politische Strukturen, die schwer zu durchschauen sind, und vor denen zuletzt die international bekannten Choreografen Emio Greco & Pieter C. Scholten das Handtuch warfen. Von drei Mittdreißigern, die ihnen nun folgten und die sich kollektiv (LA)HORDE nennen, ist nur einer ein Choreograf, ein Autodidakt sogar: Arthur Harel kommt vom Sprechtheater, während die anderen beiden, Marine Brutti und Jonathan Debrouwer, in Straßburg Videokunst und Installation studierten.

Die Drei von (La)Horde: Arthur Harel, Jonathan Debrouwer und Marine Brutti

Boris Camaca

Was sie treiben: Frankreich größtes Tanzhaus mitsamt seiner Schule umzukrempeln, visuelle Landschaften aus gealterten Körpern kreieren, sich mit der Community der Jumper und Gabbers – Hardstyle-Techno-Fans – verschwistern, Voguing auf die Bühne holen und eine sonst so harte Einzelgängerin wie Oona Doherty zu Tränen der Freude bewegen. Sie bleiben den Jugendkulturen, dem Heute auf der Spur und suchen neue Wege, Protest auszudrücken. Dazu gehört der Tanz, gehören Musikkulturen, Raves und Communities aller Art. Mit dabei: auch die fest angestellte Community am Ballet national de Marseille, von der Verwaltung bis zu den Reinigungskräften.

Rone, DJ von Weltruf, und das Ensemble in „Room With a View“

Ballet National de Marseille

Dass sie als radikale Zeitgenossen gemeinsam das Flaggschiff der französischen Tanzlandschaft leiten, ist nicht nur unerwartet, es kommt einer Revolution gleich. „Wir sind ja zu dritt, wir schaffen das schon“, machten sich (LA)HORDE Mut, als sie ihre Mission am Mittelmeer begannen. Dabei sind sie so quirlig und unberechenbar wie die Metropole selbst. Neue Ideen, spektakulär und schlüssig zugleich, sind ein rares Gut. Und hochgeschätzt, besonders in Marseille. Mit diesem Trio entschieden sich die Behörden vor zwei Jahren für einen maximalen Überraschungsfaktor. Sie entschieden sich für (LA)HORDE wie für eine Flucht nach vorn. „Ca passe ou ça casse“, sagt man auf Französisch: Auf Biegen und Brechen. Nachdem man es mit vielen versucht hat und von niemandem restlos überzeugt wurde, gab es nichts mehr zu verlieren.

Entschlosssen, ihre eigene Generation zu vertreten

Laurent Philippe

Seit bald drei Jahren sind die Drei dabei, das Ballett umzukrempeln, ohne in Turbulenzen zu geraten. Turbulenzen kreieren sie lieber selbst, nehmen das Heft des Handelns in die Hand und behalten die Initiative. Wer sie kritisieren möchte, müsste ihrem Rhythmus folgen können, einer verdreifachten Energie, die weitaus mehr Projekte anschieben kann als andere.

(LA)HORDE = (La)Revolte

3,24

Hier ist sie, die erste Monografie zu (LA)HORDE. Drei junge Wilde, Marine, Arthur, Jonathan, rocken Europas Tanzlandschaft und bestimmen die Geschicke von Frankreichs Ballet National de Marseille. Der Name des Kollektivs, (LA)HORDE, passt perfekt. Sie inszenieren Horden aller Art und jeden Alters: jugendliche Jumpstyle-Tänzer:innen, Senior:innen, Blinde oder ein georgisches Volkstanz-Ensemble. Die Drei sind Pioniere auf den Spuren jugendlicher Energie und Rebellion. Und der derzeit produktivste Think Tank der Tanzlandschaft.