Diana Rosa Hernández berichtet, wie vielschichtig die Behinderungen sein können. Bei Malpaso sei zwar noch niemand zu einer Probe gekommen, um zu überprüfen, was sie so treiben, sagt die Stage Managerin der Truppe. Das könne bei anderen aber durchaus vorkommen, vor allem bei Theateraufführungen. Tanz wirkt eben weitaus abstrakter, von seiner Aussage her weniger greifbar als ein Sprechtheaterstück, in dem offen oder versteckt Kritik an den Verhältnissen geübt werden kann. Und in jenem Bereich ist es nicht ungewöhnlich, dass staatliche Kunst-Kontrolleure mal vorbeischauen. Oft machen sie es auf die sanfte Art: Man lasse die Ensembles zwar endlos proben, erteile ihnen aber nie eine Auftrittsgenehmigunung. Denn eine Theatergruppe braucht eine Genehmigung, um ihrem Publikum etwas zu zeigen, Die autoritären Strukturen in dem karibischen Land sind bis in die Details spürbar. Trotz des allgegenwärtigen Zerfalls und Stillstands mit leergefegten Straßen und stockfinsteren Stadtvierteln – die wachsamen Augen des Staatsapparats sind, auch und gerade, wenn es um Kultur geht, überall.
Fragt man Mitglieder von Malpaso, warum sie nicht das machen, was viele ihrer Landsleute tun, die die Insel verlassen – junge Ensemblemitglieder, alle Mitte 20, könnten sich doch leicht auch woanders ein neues Leben aufbauen? Fernando Sáez, der Leiter der Kompanie, ringt ein bisschen um die passende Formulierung: „Wir haben uns dafür entschieden“ zu bleiben, sagt er schließlich. „Das ist die Antwort, die Tanzende Ihnen heute geben. Wie die Antwort morgen früh ausfällt – keine Ahnung.“
Von der kubanischen Seite werden diesem unabhängigen Ensemble nur wenig Steine in den Weg gelegt, um aus- und wieder einreisen zu können. Es gilt offensichtlich nicht als subversiv oder gefährlich für das System, das sich auch nach dem Tod des Revolutionsführers Fidel Castro 2016 weiterhin stabil an der Macht hält: zunächst unter seinem Bruder Raúl Castro als Präsident des Ministerrats, seit 2018 unter Miguel Díaz-Canel, der sich nach einer Verfassungsreform der Staatspräsident der Republik Kuba nennt.
Im Juni 2026 hat die Regierung – unter dem Druck der äußeren Umstände – erstmals weitreichendere Wirtschaftsreformen beschlossen. Seither dürfen – theoretisch – Privatleute freier agieren. Auch ausländische Unternehmen dürfen in Kuba Mitarbeitende beschäftigen. Sogar Aktiengesellschaften sollen erlaubt werden. Eine Revolution im Land der permanenten Revolution, im Land des „Hasta la victoria siempre“ – immer weiter, bis zum Endsieg des Sozialismus…. Wie sich diese Reformen auswirken werden – auf die Versorgungslage, aber auch das geistige, intellektuelle und künstlerische Klima, ist allerdings völlig offen.
Jemandem wie Sáez, der die Kompanie 2012 durch alle Höhen und Tiefen begleitet, ist die Zerrissenheit gut anzumerken. Er hat enorm viel Energie in den Aufbau der Truppe und in ihre Professionalisierung gesteckt. Das kann man nicht so einfach hinter sich lassen.