Trapped in den Tropen

"Trapicana" mit dem Malpaso-Ensemble

Lennart Brede

Malpaso heißt Kubas Tanztruppe, zu deutsch: „falscher Schritt“ oder – im moralischen Sinne – ein „Fehltritt“. Frei von staatlicher Unterstützung reist sie um die Welt – als Botschafterin einer Kultur, die auf Latin-Feeling und reale Armut nur zu gut verzichten könnte

Giftgrün. Wie eine giftgrüne Kugel tänzeln ein knappes Dutzend Performer dicht aneinander geschmiegt im rhythmischen Salsa-Schritt über die Bühne. Ebenso grün in vielen Schattierungen sind die weit schwingenden Röcke und die Pailletten auf den engen Leibchen, in denen ihre Oberkörper stecken. Passend dazu die Badekappen-artigen Kopfbedeckungen. Und die hochhackigen Stöckelschuhe der Frauen und Männer, in denen sie sich erstaunlich sicher bewegen.

„Trapicana“

Lennart Brede

Eine der Tänzerinnen trägt einen keck im Takt wippenden Palmwedel auf dem Scheitel. Sie halten sich an den Schultern, drehen sich als ein Knäuel, trippeln in Formation vor und zurück. Über sich halten sie einen übergroßen Hufeisen-Bogen. „Trapicana“ steht darauf.

Die fröhlich-farbenprächtige Revue scheint wie einem üppigen Garten Eden entsprungen zu sein, herausgewuchert aus einem Dschungel. Am Ende regnet es von der Decke. Die Bühne versinkt in einem dampfenden Schleier wie nach einem tropischen Gewitter. Ein Tänzer schlittert bäuchlings über die glitschige Ebene. Ein exotisches Traumspiel, importiert aus Fantasiewelten, wie sie so gern in der Karibik angesiedelt werden. Heiter und unbeschwert.

Das originale Tropicana, 1939 gegründet

LujoCuba

Das Tropicana ist ein Nachtclub in Havanna. Nicht irgendein Tingeltangel, sondern das „Paradies unter Sternen“ – teilweise open-air – im Viertel Marianao im Südwesten der kubanischen Hauptstadt Havanna. Eröffnet 1939 und bald schon ein international renommierter Show-Palast, in dem Nat King Cole und Josephine Baker auftraten. Ernest Hemingway und Marlon Brando saßen regelmäßig im Publikum. Heute, mehr als sechzig Jahre nach der sozialistischen Revolution, mit der Fidel Castro ab 1959 das Land von allem US-amerikanischem Einfluss – und dem Kapitalismus – reinigte, ist die Revue, die einst mit dem Pariser Moulin Rouge konkurrierte und teilweise als Vorbild für Las Vegas diente, einer der letzten verbliebenen Devisen-Bringer in diesem darbenden Land.

Die deutsche Choreografin Joana Tischkau hat das Stück zusammen mit neun Mitgliedern der Malpaso Dance Company konzipiert. Auch der US-Amerikaner Jeremy Nedd und die deutsch-amerikanische Tänzerin Sophie Yukiko sind mit dabei. Die Choreografie greift Schritte und Bewegungen auf, mit denen das „Tropicana“ in Havanna sein exotisierendes Latin-Feeling erzeugt. Natürlich ist das ironisch gemeint, aber niemand macht sich über den seit langem bröckelnden Glamour des Caberets lustig. Gleiches gilt für die den Karibik-Sound konterkarierende Musik, die Mischung aus Salsa, afrokubanischen Rhythmen und „Trap“, einem bässelastigen Hip-Hop-Sound, der in Lateinamerika so besonders angesagt ist.

Joana Tischkau

Diana Pfammatter

Der Titel des in Hamburg auf Kampnagel zum „Internationalen Sommertheaterfestival“ und in Berlin beim Festival „Tanz im August“ gezeigten Stücks ist „Trapicana“ – eine augenzwinkernde Verschmelzung von „Tropicana“ und „Trap“. Dabei soll man nicht nur an Musik, sondern auch an Trap denken, die Falle, die Touristenfalle. Denn das ist der Show-Tempel in Havanna durchaus. Jedenfalls war er es so lange, wie noch in nennenswertem Umfang ausländische Gäste auf die Insel kamen. Aber das ist seit der Kraftstoff-Krise in Folge der US-Sanktionen und des Ausfalls von Öllieferungen aus Venezuela praktisch unmöglich. Dass ein Vergnügungstempel wie das Tropicana überhaupt noch in Betrieb sein kann, zählt zu den Mysterien in diesem Land, das seit Jahren immer dichter am finanziellen Abgrund taumelt. Auf der – durchaus professionell gestalteten – Website des Clubs kann man Karten ab 75 Euro pro Person für die Abendshow buchen. Der halbe Duchschnittverdienst in Kuba – im Jahr.

Das Tropicana in seiner Frühzeit

Archiv

Wenn man sich mit Fernando Sáez unterhält, wundert man sich über den Optimismus, den er ausstrahlt – während er doch gerade von unfassbar komplizierten Arbeitsbedingungen berichtet, mit denen er und die fünfzehn Tanzenden der Malpaso Dance Company zu kämpfen haben. Er formuliert scheinbar ungerührt Sätze wie: „Kuba blutet“; die gegenwärtige Situation „ist kein Drama, sondern eine Tragödie“. Er sagt das als einer, dem bewusst ist, dass er sich als erfolgreicher Manager mit guten Kontakten in die USA und nach Europa zu denjenigen auf der Insel zählen darf, die etwas besser zurechtkommen.

Fernando Sáez ist 60 Jahre alt. 2012 hat er die Malpaso Dance Company mit den Tänzern und Choreografen Daile Carrazana und Osnel Delgado gegründet.

Fernando Saéz

Todd Rosenberg

Sáez und seine Truppe sind privilegiert, das gibt er sofort zu, weil sie ins Ausland reisen und auch dort ihre Kunst zeigen können. Zu Hause in Havanna geht es ihnen wie fast allen anderen rund zehn Millionen Kubanern, die noch auf der Insel leben – karg. Denn jeden Tag verlassen Hunderte, jeden Monat Tausende das Land in Richtung USA, Spanien oder andere Destinationen. Also müssen sie an allen Ecken und Enden rund um die Uhr improvisieren. Müssen sehen, wie sie überhaupt zu ihrem Arbeitsplatz gelangen, sofern sie noch einen haben. Müssen Nahrungsmittel organisieren, das Geld dafür auftreiben. Denn manche Dinge gibt es tatsächlich noch, aber stets nur für Cash in Dollar.

Bass-Transport

Christopher Duggan

Oldtimer-Taxis: Havannas Markenzeichen ohne Sprit

Jorge Luis Banos

Die Versorgungskrise, das fehlende Benzin, macht es extrem mühsam bis unmöglich, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Wenn der elektrische Strom unberechenbar ist, für Stunden oder Tage ausfällt, lässt sich auch keine Theateraufführung planen. Das Teatro Martí im Zentrum von Havanna, wo Malpaso in den vergangenen Jahren regelmäßig auftrat, ist geschlossen. Da nutzt es ihnen auch nichts, dass sie ein technisches Equipment haben, das mit Akkus läuft, also aufgeladen werden kann, sofern dies denn mal möglich ist.

Malpaso probt

Christopher Duggan

Wenn in diesem tropischen Land die Klimaanlagen außer Betrieb sind, werden die Proben zur Qual: „Im Sommer ist es besonders schwierig“, sagt Fernando Sáez, „wenn es glühend heiß ist, ist man sehr schnell erschöpft. Gerade im Tanz müssen wir darauf Rücksicht nehmen. Deshalb können wir nicht so viel arbeiten, wie wir es eigentlich gerne würden. Wir machen es eben so gut es geht.“

Der Blick vor die Tür

Christopher Duggan

Sie denken an ihr treues Stammpublikum, das sie sich in den fast anderthalb Jahrzehnten seit ihrer Gründung erspielt haben. Auch das schrumpft: „Es gibt keine sehr genauen Statistiken. Aber seit der Covid-Pandemie, also seit 2022, haben rund zwei Millionen Kubaner das Land verlassen. Das sind fast zwanzig Prozent der Bevölkerung. Meistens junge Leute. Und die waren auch ein Teil unseres Publikums.“

Das Publikum bleibt weg, weil es sein Leben in Havanna aufgegeben hat, es in die Fremde zog. Andere kommen nicht, weil sie zu weit entfernt vom Aufführungsort wohnen, weil keine Busse oder Taxis fahren. Viele Kubaner sind 24/7 damit beschäftigt, irgendwie den Alltag zu bewältigen – da kommen sie kaum mehr auf die Idee, sich mit Kultur, mit Theater, mit zeitgenössischem Tanz zu beschäftigen.

Annesusanne Fackler war mehrere Jahre als Leiterin des assoziierten Goethe-Instituts an der deutschen Botschaft in Havanna tätig. Da die kubanische Regierung ein offiziellen Goethe-Instituts nicht gestattet, arbeitet es unter dem Schirm der Botschaft. Fackler hat die Kooperation zwischen Joana Tischkau und der Malpaso Dance Company ins Werk gesetzt.

Das Tanzstück „Trapicana“ entstand, nachdem das Goethe-Institut im Rahmen seiner Austauschprogramme die Choreografin vor zwei Jahren nach Kuba einlud – wo sie Fernando Sáez und die Kompanie kennenlernte. Tischkau gab Workshops. Und landete während ihres Aufenthalts auch im Tropicana. „Weil das eine der Touristenattraktionen ist, die man gesehen haben muss. Ich bin mit meinem Musiker hingegangen und habe zu ihm gesagt: ach, das ist ja wie ein Trip, so ein drogeninduzierter Trip vielleicht.“ Tischkau beschäftigt sich in ihren Arbeiten immer wieder mit Authentizität und Aneignung. Die angestaubte Atmosphäre und der ungebrochene Exotismus der Tropicana-Revue haben sie fasziniert. Die schillernden Kostüme, der ausladende Kopfschmuck; die Formationen, die die Showtreppe hinunterschweben.

Annesusanne Fackler

privat

Und natürlich die berühmten Arcos de Cristal, die Kristallbögen als Überdachung gegen Wind und Regen, die die Szenerie umrahmen. „Dieses Aufrechterhalten von so einer aus der Zeit gefallenen Show, da kann man auch mit Nostalgie drauf gucken, aber gleichzeitig steht diese Show im krassen Kontrast zu der aktuellen und der realen Lebenssituation in Kuba. Es ist eine Illusion, die da aufrechterhalten wird.“

Die Kristallbögen des Tropicana, 1952

Wikipedia

Das Ensemble der Malpaso Dance Company

Christopher Duggan

Für die meisten Mitglieder von Malpaso war das Tropicana – von dem es im Übrigen auch Ableger in anderen kubanischen Städten gab – eine Legende, von der ihnen vielleicht die Großeltern mal erzählt haben. „Als wir anfingen mit dem Projekt, war ich das erste Mal dort“, sagt Carlos Daniel Valladares, einer der jungen kubanischen Tänzer. „Man kann am Tropicana die Entwicklung der Gesellschaft ablesen. Über Jahrzehnte sind dort Künstler von Weltrang aufgetreten, aber es ist auch ein Spiegel des Niedergangs, der das Land erfasst hat.“ Für ältere Kubaner ist das Tropicana eine Erinnerung an bessere Zeiten mit einer verblüffenden Erfolgsgeschichte: Die Vergnügungsrevue für reiche US-Amerikaner hätte den antikapitalistischen Revolutionsführern um Fidel Castro eigentlich ein besonders dekadenter Dorn im Auge sein müssen. Das Gegenteil war der Fall: Die Revolution liebte und päppelte ihren flamboyanten Showtempel – wie die Honeckers der DDR einst den Friedrichstadtpalast in Ost-Berlin.

Das Ensemble in „Trapicana“

Lennart Brede

Für die Tänzerin Laura Rodriguez ist die Beschäftigung mit dem Mythos Tropicana vor allem ein musikalisches und künstlerisches Experiment: „Es ist etwas ganz anderes als das, was wir normalerweise in unserer Kompanie machen. Was mich betrifft, mir hat schon immer diese Art von Showtanz gefallen. Salsa, Rumba, die traditionellen kubanischen Tänze. Der ganze Prozess, der zu dem Stück geführt hat, war äußerst bereichernd, ich bin sehr zufrieden und dankbar dafür.“

Annesusanne Fackler hat die Malpaso Dance Company bei ihren „Trapicana“-Auftritten in Hamburg und Berlin begleitet. Sie berichtet von den enormen Herausforderungen, die einem das tägliche Leben in Kuba abverlangt.

Havanna, 2026

Christopher Duggan

Diese Alltagsherausforderungen verzahnen sich mit politischen Problemen, die allen begegnen, die etwas zu bewegen versuchen, gerade im künstlerischen Bereich. Es gebe zwar keine direkte Zensur, sagt Annesusanne Fackler. Aber die kubanische Regierung ist emsig darauf bedacht zu erfahren, was vor sich geht, auch im Goethe-Institut. „Unsere Programme stehen allen offen. Wir stehen in einem guten und friedlichen Kontakt mit den Regierungsvertretern, ohne befreundet zu sein. Sie beobachten uns eben.“

Die Heimat der Malpaso Dance Company

Christopher Duggan

Diana Rosa Hernández berichtet, wie vielschichtig die Behinderungen sein können. Bei Malpaso sei zwar noch niemand zu einer Probe gekommen, um zu überprüfen, was sie so treiben, sagt die Stage Managerin der Truppe. Das könne bei anderen aber durchaus vorkommen, vor allem bei Theateraufführungen. Tanz wirkt eben weitaus abstrakter, von seiner Aussage her weniger greifbar als ein Sprechtheaterstück, in dem offen oder versteckt Kritik an den Verhältnissen geübt werden kann. Und in jenem Bereich ist es nicht ungewöhnlich, dass staatliche Kunst-Kontrolleure mal vorbeischauen. Oft machen sie es auf die sanfte Art: Man lasse die Ensembles zwar endlos proben, erteile ihnen aber nie eine Auftrittsgenehmigunung. Denn eine Theatergruppe braucht eine Genehmigung, um ihrem Publikum etwas zu zeigen, Die autoritären Strukturen in dem karibischen Land sind bis in die Details spürbar. Trotz des allgegenwärtigen Zerfalls und Stillstands mit leergefegten Straßen und stockfinsteren Stadtvierteln – die wachsamen Augen des Staatsapparats sind, auch und gerade, wenn es um Kultur geht, überall.

Fragt man Mitglieder von Malpaso, warum sie nicht das machen, was viele ihrer Landsleute tun, die die Insel verlassen – junge Ensemblemitglieder, alle Mitte 20, könnten sich doch leicht auch woanders ein neues Leben aufbauen?  Fernando Sáez, der Leiter der Kompanie, ringt ein bisschen um die passende Formulierung: „Wir haben uns dafür entschieden“ zu bleiben, sagt er schließlich. „Das ist die Antwort, die Tanzende Ihnen heute geben. Wie die Antwort morgen früh ausfällt – keine Ahnung.“

Von der kubanischen Seite werden diesem unabhängigen Ensemble nur wenig Steine in den Weg gelegt, um aus- und wieder einreisen zu können. Es gilt offensichtlich nicht als subversiv oder gefährlich für das System, das sich auch nach dem Tod des Revolutionsführers Fidel Castro 2016 weiterhin stabil an der Macht hält: zunächst unter seinem Bruder Raúl Castro als Präsident des Ministerrats, seit 2018 unter Miguel Díaz-Canel, der sich nach einer Verfassungsreform der Staatspräsident der Republik Kuba nennt.

Im Juni 2026 hat die Regierung – unter dem Druck der äußeren Umstände – erstmals weitreichendere Wirtschaftsreformen beschlossen. Seither dürfen – theoretisch – Privatleute freier agieren. Auch ausländische Unternehmen dürfen in Kuba Mitarbeitende beschäftigen. Sogar Aktiengesellschaften sollen erlaubt werden. Eine Revolution im Land der permanenten Revolution, im Land des „Hasta la victoria siempre“ – immer weiter, bis zum Endsieg des Sozialismus…. Wie sich diese Reformen auswirken werden – auf die Versorgungslage, aber auch das geistige, intellektuelle und künstlerische Klima, ist allerdings völlig offen.

Jemandem wie Sáez, der die Kompanie 2012 durch alle Höhen und Tiefen begleitet, ist die Zerrissenheit gut anzumerken. Er hat enorm viel Energie in den Aufbau der Truppe und in ihre Professionalisierung gesteckt. Das kann man nicht so einfach hinter sich lassen.

Daile Carrazana und Osnel Delgado

Malpaso

Seine beiden Mitgründer und Mitstreiter bis heute, Daile Carrazana und Osnel Delgado, waren bekannte Tänzer der Danza Contemporanea de Cuba, dem staatlichen Ensemble, das seit 1959 existiert, dem Jahr der kubanischen Revolution. Sie wollten etwas Neues, etwas Eigenes machen außerhalb der vorgegebenen Strukturen, außerhalb des „sicheren Hafens dieser etablierten Kompanie“, wie Fernando Sáez es formuliert. „Die beiden waren sehr jung. Und sehr prominent“. Er kannte Carrazana und Delgado schon länger, bevor er mit ihnen zusammen Malpaso gründete. Zu dritt stürzten sie sich ins Abenteuer der Selbständigkeit.

Sáez berichtet von ungeheuren Schwierigkeiten, die sie am Anfang hatten, um überhaupt als unabhängige Tanztruppe in Kuba arbeiten zu dürfen. „Wir sind zunächst den offiziellen Weg gegangen. Das heißt, wir mussten unser Projekt dem ‚Nationalen Beirat für Darstellende Künste‘ in Havanna vorstellen. Das ist eine Abteilung des Ministeriums für Tanz und Theater. Das ist verpflichtend.“ Einfach so ein Ensemble gründen – undenkbar in einem durchkontrollierten System. Bis eine Antwort von dem Gremium kam, habe es sehr, sehr lange gedauert, erzählt Sáez. Irgendwann hieß es, der Staat habe keine Mittel, das zu finanzieren. Also abgelehnt. Und da es keine Rechtsform für freie Gruppen in Kuba gibt, fanden sie schließlich ein Schlupfloch: „Selbstfinanziert“ hieß das Zauberwort, eine Möglichkeit, die sich im Regelwerk des Ministeriums bis heute findet, so Sáez.

Zuckerrohr und Stahlpeitsche – Ausstellung  in der Fundación Ludwig de Cuba

Plakat

Die Fundación Ludwig de Cuba

Mira Zeichner

Um sich selbst mit den nötigen Mitteln auszustatten, setzen sie auf Kooperationen mit ausländischen Partnern. Fernando Sáez brachte seine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit internationalen Förderern aus seiner vorherigen Tätigkeit bei der „Fundación Ludwig de Cuba“ mit. Die Stiftung wurde ursprünglich von dem Mäzenaten-Ehepaar Peter und Irene Ludwig aus Aachen ins Leben gerufen und ist einer der prachtvollsten Kulturorte Havannas, der heute, mehr oder weniger, unter dem Einfluss des kubanischen Staats steht. Die Stiftung unterstützt und pflegt die Künste auf der Karibikinsel seit drei Jahrzehnten. Sáez hatte 1998 angefangen, dort zu arbeiten. Und dort enorm viel gelernt, wie man internationale Austauschprogramme organisiert. Vor allem aber, wie man in Europa und in den USA im Bereich der unabhängigen Kunst- und Kulturförderung denkt und vorgeht. Wie sich also privates Geld für die Kunst akquirieren lässt.

Während des 19. und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts engagierten sich private Geldgeber in Kuba sowohl für Kunst und Kultur als auch für den Städtebau. 1959 war damit Schluss – „aus offensichtlichen Gründen“, wie Fernando Sáez es mit ironisch-diplomatischem Zungenschlag formuliert. Seit der Revolution, der großen Zeitenwende in jenem Jahr, gibt es nur noch einen einzigen Sponsor: den Staat. „Wenn der ausfällt, dann ist für die Kunst alles vorbei.“

Kubas Kulturszene liegt am Boden. Malpaso hat daher von Anfang an versucht, sich über Kontakte ins Ausland eine weitere finanzielle und künstlerische Basis zu schaffen. Dank des entspannteren politischen Klimas unter der Regierungszeit von Barack Obama war es möglich, Kontakte in die USA zu pflegen und als Ensemble dorthin zu reisen. Es war eine enorm erfolgreiche Periode für Malpaso. „Wir sind in 35 US-Bundesstaaten aufgetreten und in mehr als sechzig Städten“.

Vintage-Poster

Die Malpaso Dance Company in „Dark Meadow Suite“ von Martha Graham

Brigid Pierce

Die Verbindungen zu manchen Institutionen wurden in diesen Jahren äußerst intensiv. Zehn Spielzeiten hat die Malpaso Dance Company allein am Joyce Theatre in New York absolviert. Die bekannte Tanzlocation an der 8th Avenue in Chelsea, Manhattan, weiß einen großen Kreis sehr vermögender privater Spender hinter sich. Malpaso haben ihre Produktionen am Kennedy Center in Washington gezeigt, in Los Angeles und Miami, im Guggenheim-Museum New York und an zahlreichen anderen Orten – und sich damit ihren Ruf als das bekannteste Ensemble für zeitgenössischen Tanz aus Kuba erarbeitet. Anfang 2026 interpretierten sie am Joyce Theatre die „Dark Meadow Suite“ von Tanzlegende Martha Graham mit großer Resonanz.

Mit diesen Gastspielen verdienen sie Geld. Das Geld, das es in Kuba nicht gab und nicht gibt. Aber natürlich brauchen sie es, um das Überleben der Kompanie und deren Mitglieder zu sichern. Die Kunst geht nach Brot – der aus Lessings „Emilia Galotti“ entlehnte Spruch gilt für Künstler in Kuba, die frei von staatlichen Vorgaben arbeiten wollen, in ganz besonderem Maß.

Doch es ist beklemmend, wenn man hört, wie selbst ein mittlerweile so stark international vernetztes Ensemble wie Malpaso von politischen Schwankungen abhängig ist. Nachdem Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden war, verschlechterten sich die Bedingungen schlagartig auch für die, die als unabhängige Truppe das Gegenteil des sozialistischen Staatsdirigismus verkörpern. Das US-Konsulat in Havanna wurde geschlossen. Auf der Insel konnten keine Visa für die Einreise in die Vereinigten Staaten mehr beantragt werden. Damit schien Malpasos „Geschäftsmodell“ am Ende. Kein Visum, keine Gastspiele, kein Geld. Sie mussten sich etwas einfallen lassen: „2018 waren wir schon einmal in Hamburg. Wir haben da das Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet. Wir sind von dort in den Zug gestiegen und nach Berlin zum US-Konsulat gefahren.“ Ähnlich gingen sie vor, als sie in Kanada aufgetreten sind. Aus dem gleichen Grund flogen sie nach Mexiko oder in die Dominikanische Republik. Kubaner sind solche Beschwernisse gewohnt. Die Strategien zu deren Bewältigung sind Teil ihres Alltags.

oben: Die US-Botschaft in Havanna

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Empfang

Annesusanne Fackler

Fernando Sáez will nicht nur über diese organisatorischen und finanziellen Kapriolen sprechen. Sondern vor allem über Kunst und die Qualität der choreografischen Arbeit auf Kuba. Er berichtet von den vielen Defiziten in der kubanischen Tanzlandschaft, die es vor der Gründung von Malpaso gab: „Mein Job bestand darin, die Zusammenarbeit mit anderen Theater- und Tanzkompanien aufzubauen. Es ging vor allem aber darum, die schwarzen Löcher im künstlerischen Universum von Havanna und Kuba aufzuspüren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich eine riesige, ja dramatische Diskrepanz auftat zwischen dem hohen Niveau des kubanischen Tanzes und den miserablen Standards der meisten kubanischen Choreografen.“ Sáez führt das auf die kulturelle Entwicklung zurück. „Wir sind eine tanzende Insel und eine Insel des Tanzes“, sagt er und verweist auf die lange Tradition auch religiöser Tänze. Tanzen vor einem Publikum hingegen, also Ballett, Cabaret Shows, Modern Dance und Contemporary Dance, waren relativ neu. Daher der Rückstand, was die Erfahrung mit der Interpretation anbetrifft. „Wegen der Isolation, in der wir seit Jahrzehnten leben, dem Mangel an Austausch mit dem Rest der Welt.“

Malpaso Dance Company bei der Probe

Christopher Duggan

Um diese Kluft zwischen den herausragenden technischen Fähigkeiten und der unzureichenden künstlerischen Umsetzung zu verringern, versuchte er von Anfang an, wichtige Choreografen aus aller Welt für die Zusammenarbeit mit der jungen kubanischen Tanzszene zu begeistern. Er brachte den Israeli Ohad Naharin nach Kuba, der mit Malpaso das Stück „Tabula Rasa“ erarbeitete. Oder Mats Ek aus Schweden.

Malpaso Dance Company bei der Probe

Christopher Duggan

Jetzt, wo in Kuba alles zusammenzubrechen scheint, ist auch die traditionell hervorragende Ausbildung in Gefahr. Fünfzehn junge Männer und Frauen sind derzeit Teil des Malpaso-Ensembles. Mehr können sie nicht aufnehmen. Fraglich, ob der Nachwuchs überhaupt noch ausreichend gefördert wird. Die Ballettschulen seien zwar noch in Betrieb. Aber die Standards würden schon seit längerem sinken. Und natürlich: Begabte junge Tanzschaffende suchen ihr Heil verstärkt im Ausland.

Das  Teatro Nacional de Cuba

Wikipedia

Alle Bereiche von Wirtschaft, Bildung und Kultur sind von dieser Auszehrung bedroht. Ein Aushängeschild wie der Tropicana-Nachtclub wird vielleicht noch notdürftig am Leben gehalten. Ebenso das Teatro Nacional de Cuba an der Plaza de la Revolución. Es ist der einzige Ort in der Hauptstadt, an dem überhaupt noch etwas auf einer Bühne gezeigt werden kann. Aber nur dann, wenn es Elektrizität gibt und Mitarbeitende, die den Laden aufsperren.

Die einst renommierte Buchmesse, üblicherweise für den Februar geplant, wurde auf August 2026 verschoben, rund um den mit nostalgischen Revolutions-Parolen begangenen 100. Geburtstag von Fidel Castro. Als Gastland war Russland eingeladen, der große Bruder aus glorreichen sozialistischen Zeiten. Der aber hat kaum noch etwas für die Karibik-Insel übrig. Allein Bücher an den Veranstaltungsort zu transportieren, bedeutet die Rechnung zu machen mit erheblichen logistischen Unbekannten.

Ähnliches gilt für das Filmfest Havanna. Das „Festival Internacional del nuevo cine latinoamericano“ war seit 1979 schlicht und ergreifend das zentrale Forum für das lateinamerikanische Kino: eine Art Gegenentwurf zu Hollywood-Produktionen und den großen Filmfestivals in den USA und Europa. Anfang Dezember 2026 soll es stattfinden. Die Website ruft dazu auf, Filme für den Wettbewerb einzureichen. Wer da aber noch teilnehmen wird, ist unklar. Viele Jahre war das Goethe-Institut mit einer eigenen Sektion deutscher Filme vertreten. Doch Annesusanne Fackler winkt ab. Früher hätten sie regelmäßig deutsche Regisseure aus Deutschland für Diskussionsrunden eingeladen. Jetzt mache das keinen Sinn mehr. Die wenigen Filme, die überhaupt noch gezeigt werden, würden wegen der unvorhergesehenen Stromausfälle ständig um Stunden verschoben oder brächen mitten in der Vorführung ab.

Malpaso Dance Company bei der Probe

Christopher Duggan

Die Lage ist desolat, doch Malpaso tanzen weiter. Fernando Sáez berichtet vom eng gestrickten Terminkalender der nächsten Wochen und Monate. Er selbst ist nach New York eingeladen, um einen Dokumentarfilm über die Truppe vorzustellen. Drei Wochen Kanada stehen auf dem Programm, danach eine Zusammenarbeit mit einem Choreografen aus Norwegen. Wie diese vielen Reisen bei dem nahezu eingestellten Flugverkehr auf und von der Karibikinsel zustande kommen sollen …? Fernando Sáez scheint ohne diese Zweifel auszukommen. Die vergangenen zwölf Jahren hat er damit verbracht, so viele Hindernisse zu überwinden, dass ein ausgefallener Flug seine Stimmung wohl kaum noch anficht.

Malpaso Dance Company bei der Probe

Christopher Duggan

Nach den umjubelten Auftritten mit „Trapicana“ in Hamburg und Berlin sieht die Kooperationsvereinbarung mit dem Goethe-Institut vor, dass „Trapicana“ auch in Havanna gezeigt werden soll. Noch ist offen, an welchem Ort und wann. Das Stück, so Annesusanne Fackler und auch Diana Rosa Hernández, müsse zudem an einigen Stellen dramaturgisch angepasst werden, ohne die Aussage zu verändern. Die gegen das Ende hin kurz eingespielte Rede von Donald Trump etwa, in der dieser davon schwadroniert, wie toll auf der Insel alles werden würde, wenn das Regime endlich fort wäre, klingt in kubanischen Ohren anders, ebenso das Wort „Patria“, Heimatland, in das die Tanzenden den Schriftzug „Trapicana“ umschreiben.

Malpaso Dance Company bei der Probe

Christopher Duggan

Selbst minimale politische Andeutungen, die Joana Tischkau in die Choreografie eingewoben hat, könnten in Kuba anecken. Nicht unwahrscheinlich, dass Vertreter der kubanischen Botschaft sich das Tanzstück in Hamburg oder Berlin bereits angeschaut haben. Die Berlin-Premiere, mit der das Festival „Tanz im August“ eröffnet wurde, fand übrigens ausgerechnet am 13. August 2026 statt, am 100. Geburtstag von Fidel Castro.

Malpaso Dance Company bei der Probe

Christopher Duggan

Dabei verstehen sich Malpaso nicht als politisch. Jedenfalls nicht im Sinne einer Regimekritik. „Was die materielle Lage angeht, können wir nichts machen“, sagt Fernando Sáez. „Wir können höchstens uns selbst ändern und unsere Lage in unserer Arbeit reflektieren. Denn worum geht es in der Kunst letztendlich? Immer um die menschliche Existenz.“

Noch nie vor „Trapicana“ hat sich Malpaso mit einem Thema beschäftigt, das die Traditionen ihres Heimatlands direkt aufgegriffen hätte. Ihre eigenen Choreografien sind ganz der Bewegung und der Ästhetik verpflichtet. Exzellenz ist für Sáez an sich schon subversiv, Perfektion ein Ziel. „Es geht um Schönheit“, sagt er und wendet die Frage nach der Politik ins Ästhetische: „Schönheit ist eine politische Kraft. Das haben schon die griechischen Philosophen erkannt. Nichts ist, wenn wir es politisch betrachten, stärker als die Schönheit.“

„Trapicana“

Lennart Brede

Wenn er damit „Trapicana“ meint, hat er recht: Das Stück lebt ganz von der Harmonie der Bewegungen, dem Verschmelzen der Individuen zu Figuren, dem Wippen der Röckchen, dem lasziven Kreisen der Hüften. Von der suggestiven Kraft der Farbtöne. Dieses Giftgrün, dieses changierende und sich in den Pailletten der Leibchen spiegelnde karibische Sukkulentengrün. Das ist schön, das ist ästhetisch. Nicht politisch, aber das Zeitgenössischste, was Kuba derzeit hervorzubringen vermag.

Havanna

Annesusanne Fackler