Fremder Tanz

Between the waves - Secret, 2013

Tajel Shah

Die Moderne wäre nicht vorstellbar ohne das Spiel von Aneignung und Appropriation, einem Global Groove aus Kunst, Tanz, Performance und Protest. Der deutsche Maler Ernst-Ludwig Kirchner begeisterte sich schon früh für außereuropäische Kulturen. Und für den Tanz. Genau hier fand die Avantgarde ihren Ausgangspunkt: in der Bewegung im Fremden.

Kuratorin und Autorin

Es rumort in den europäischen Kunstsammlungen und Archiven. Immer häufiger führt die postkoloniale Befragung der Moderne zu überraschenden Perspektivwechseln und notwendigen Korrekturen. Nicht nur über die Rückgabe von Kulturgütern muss verhandelt werden. Auch neue Konflikte treten auf, wie die Ausstellung des Berliner Brücke Museums über seine Künstler im kolonialen Kontext beweist: „Whose Expression“. Die Ausstellung zeichnet die Migration primitivistischer Formen, fremder Kulturelemente und außereuropäischer Kolonialgüter in den Bildprogrammen der Brücke-Maler nach, einer Künstlergruppe, die sich 1905 in Dresden gebildet hatte und zu der so bekannte Maler wie Ernst-Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Erich Heckel, Emil Nolde oder Karl Schmidt-Rottluff gehörten. Die Wegbereiter der klassischen Moderne besuchten Völkerschauen und ethnografische Museen, begeisterten sich für Masken, Artefakte, Skulpturen und Tänze außereuropäischer Kulturen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs reisen voneinander unabhängig Emil und Ada Nolde sowie Max Pechstein mit offiziellem Mandat der deutschen Kolonialmacht nach Neuguinea und auf den Archipel Palau, wo sie Kunst, Architektur, Körperbilder und Bewegungskulturen der pazifischen Inseln studierten.

Erna Schilling und Ernst Ludwig Kirchner im Atelier Berlin-Wilmersdorf, Durlacher Straße 14, um 1912/14. Courtesy Kirchner Museum Davos

Im Entrée zur Ausstellung im Berliner Stadtteil Dahlem klärt ein Begriffs-Glossar über die asymmetrischen Machtverhältnissen zwischen Maler, Sujet und Modell auf: Kolonialer Blick, Primitivismus, Exotismus, Rassismus, Aneignung – im Unterton vibriert der dunkle Sound der Schuldvermutung und eine Anleitung zum selektiven Sehen. Das Ergebnis: ein hyper-moralischer Parcours. Im Echoraum der Vokabeln des neuen, woken Normal wirken die Brücke-Maler wie ein fremdenfeindliches Kollektiv weißer Salon-Barbaren, ihr Vorgehen grob und respektlos. Kirchners Berliner Atelier, ausgestattet mit einem Mix aus Paravents, Batiken, Asiatica und Tribal-Art-Style, wird enttarnt als eine Kammer des Schreckens. Die geometrischen Formen dieses bühnenartigen Stilllebens, in dem sich gekaufte oder geschenkte Artefakte mit Selbst-Geschnitztem, Aufgemaltem, Besticktem und Nachgebasteltem unbekümmert mischen, tauchen auf auch zahlreichen Gemälden und Grafiken wieder auf. Auf dem Prüfstand steht die emanzipatorische Auffassung der Brücke-Maler.

Ernst Ludwig Kirchner, Zeichnung nach Bronzereliefs aus dem Königreich Benin im Museum für Völkerkunde Dresden, ca. 1910, Bleistift, Kirchner Museum Davos, Schenkung aus dem Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992

Müssen Künstler:innen in Zukunft aus Respekt vor der Einzigartigkeit anderer Kulturen auf Imitation, Aneignung und Vermischung verzichten? Gibt es diese Einzigartigkeit überhaupt? Und wie viel Exotismus und koloniales Gedankengut schwingt tatsächlich in dem kinetischen Expressionismus eines Ernst-Ludwig Kirchners (1880–1938) mit, der auf seinen Zeichnungen und Gemälden das cross-kulturelle Spiel des Tanzes studierte. Ist die Story der Künstlergruppe Brücke ein Cold-Case der Kunstgeschichte?

Nelly und Sidi Heckel tanzen im Atelier von Ernst Heckel, Foto Kirchner, 1910, Kirchner Museum Davos

Unter anderem beklagt die Dahlemer Diskussion im Brücke Museum in Berlin, man wisse zu wenig von dem Schwarzen Artist:innenpaar Milli und Sam aus dem Dresdner Zirkus Schumann, kenne ihre vollständigen Namen und Biografien nicht. Die Dominanzkultur der weißen Männer, gemeint sind Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner, habe deren tanzenden Körper, den exotischen Groove und die Performance ihres Andersseins für den eigenen ästhetischen Fortschritt missbraucht ohne ihre soziale Marginalisierung mitzudenken. Erstens stimmt das so nicht ganz. Kirchner, ein äußerst akribischer Chronist seines Schaffens, hat seine Prozesse der Aneignung selbst transparent gemacht. Sein Foto-Archiv, die Tagebücher, Briefe und Skizzenbücher sind eine geradezu vorbildliche Spurensicherung, die es ermöglicht, die Provenienz jeder Geste, jedes Motivs, jeder Form ziemlich genau zu rekonstruieren. Auch die Artist:innen Milli, Sam und Nelly tauchen auf. Und zweitens geht es keineswegs um Raubkunst, Genozid, sexuellen Missbrauch oder andere systemische Repressionen. Die Grausamkeit und Illegitimität solcher Verbrechen steht völlig außer Frage. Doch wer in dem Pan-Primitivismus der Atelierausstattungen, wer in den Tanzstunden und Soiréen der Brücke-Künstler den rhetorischen Kontext gewaltförmiger, kulturrevisionistischer Praktiken erkennt, der übersieht möglicherweise den existentiellen Kern dieser imaginierten Szenarien. Masken und Kostüme sind nicht nur physische Artefakte, die ihrem originären kulturellen Kontext entrissen wurden. Sie haben hier vor allem eine metaphorische Mitbedeutung. Sie verweisen auf die Natur von Rollenspiel und Maskerade.

Global Groove – Performance und Protest: Von Ernst-Ludwig Kirchner zu Kazuo Ohno

3,89

Der Tanz hat sinnlich erfahrbar gemacht, dass künstlerische Globalisierungsprozesse und transkulturelles Denken immer schon die Regel waren. Marietta Piekenbrock. Kuratorin der sensationellen Ausstellung „Global Groove. Tanz, Kunst, Performance und Protest“ im Folkwang Museum Essen, suchte 2021 zusammen mit Brygida Ochaim konkrete Momente dieser Begegnungen zwischen westlichen und östlichen Avantgarden. Wer sind diese im Kern transnationalen Botschafter:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Von Mary Wigman und Kazuo Ohno bis Boris Charmatz und dem japanischen Künstlerduo Eiko & Koma standen und stehen diese Protagonist:innen aus westlichen und ostasiatischen Zentren maßgeblich für eine cross-kulturelle Ausdifferenzierung der Moderne und Postmoderne.

Global Groove Cover

Dieser Text basiert auf und erweitert sinnlich den Beitrag „Antikörper. Butoh – Rebutoh“ aus dem Katalog „Global Groove. Art, Dance, Performance, Protest“ zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Folkwang, Essen 2021, der hier erhältlich ist.

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