Die wundersame Geschichte des Künstlerzwillings deufert&plischke

Arnd Wesemann
Arnd Wesemann

Vor der ersten gemeinsamen Performance 2001 am ZKM Karlsruhe: „How to knit your own polictial body“

Brüssel zur Jahrtausendwende. Kattrin Deufert studiert an der Université Libre de Bruxelles, gleichzeitig in Berlin am Graduiertenkolleg „Körperinszenierungen“. In Brüssel schreibt sie ihre Dissertation, jeden Morgen ab 6 Uhr, jobbt danach in der Programmabteilung des Goethe Instituts. Und schreibt Tagebuch. Der Titel: „mythos europa“.

Europa ist ein traum von zukunft geworden, aber jetzt gibt es sie nicht mehr.

Die Zukunft in ihrem Tagebuch fühlt sich an wie eine radikal ins Positive gewendete Heimatlosigkeit. Alle Welt steht allen offen. Alles ist möglich.

Alles wird anders. Auch die Tanzausbildung. In Brüssel gehört Thomas Plischke zur ersten Generation der frisch gegründeten Schule P.A.R.T.S. Er ist Schüler der Choreografin Anne Teresa de Keersmaekers. 1998 vollendet er das Studium mit einem Solo namens „Fleur (Anemone)“. Es wird ihn nie wieder loslassen.

Thomas Plischke, 2002

Katrin Schander

Dieses Solo wird zur Heimat eines radikal Heimatlosen, nachdem seine Brüsseler Wohnung niederbrennt, für die er keine Feuerversicherung besitzt, für deren Ruine er vollumfänglich haftet und den Gerichtssaal mit umgerechnet 40.000 Euro Schulden verlässt. Ihm bleibt kaum mehr als ein schmales Buch von Gottfried Benn, die „Statischen Gedichte“, in der auch eine Anemone besungen wird.

Die Bühne von „Fleur (Anemone)“ markiert die abgebrannte Wohnung, in der sich Thomas Plischke kämmt und fällt und stürzt. In seinem Jackett steckt ein zerdrückter Blumenstrauß, den er ins Publikum verschenkt. Es geht auch um eine Wette mit einem Kommilitonen, mit Salva Sanchis. Kann man auf Kommando, kann man auf die Note genau pinkeln? Thomas Plischke tanzt zu einem Schostakowitsch-Walzer, pinkelt in die Hose, zieht die Hose aus, dann sein T-Shirt, wischt alles auf und zieht alles wieder an, als wäre nichts gewesen. Alles auf Anfang, ohne Wohnung, ohne Vermögen, ohne Zukunft: „Es war eine denkbar schlechte Voraussetzung, nachdem ich so glücklich war, überhaupt Tanz studieren zu können und diesen Lebenstraum wahrzumachen“, sagt Thomas Plischke.

Aber so fangen Geschichten an.

Niemandszeit

Berlin
Sechzehn Jahre später

„Niemandszeit“

Dieter Hartwig

Das Stück in den dortigen Uferstudios heißt „Niemandszeit“. Ein partizipatives Projekt, will heißen: Wer kommt, gehört dazu und bildet ein Ensemble. Und was für ein Ensemble: Meg Stuart, Christina Ciupke, Wanda Golonka, Helena Waldmann, Alain Franco – die ganz großen Namen der Szene. Zum Who is Who der Tanzkunst gesellen sich Festivalmacher (Florian Malzacher), Theaterleiter (Ludger Schnieder), Tanzpolitikerinnen (Madeline Ritter), Dramaturginnen (Bojana Cvejic) und rocken gemeinsam die Bühne. Die Anwesenden sind die Stars. Auf Kommando krümmen sie sich auf dem Tanzboden. Über ihnen läuft ein großes, deutsches Präzisionsuhrwerk, das sekundengenau die Zeit anzeigt. Auf jedem Stuhl: ein Briefumschlag mit fünf Ereigniskarten: „Minute 0:30:00: Geh langsam auf die Bühne, such dir einen Ort auf dem Tanzboden. Beuge die Knie, mach dich so klein wie möglich. Bleib in dieser Position, bis du still bis 100 gezählt hast“.

Alle gehorchen und horchen der Stimme von Kattrin Deufert, die kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohns den Kontext gebiert. Sie liest von übellaunigen orthodoxen Juden in Jerusalem. Liest, dass in Dänemark die meisten Selbstmorde an Palmsonntag geschehen. Und dass „Ruth“ das einzige Buch der Bibel mit einer weiblichen Hauptfigur sei. Es geht um Religion. „Minute 0:53:00: Schreib mit dem Stück Kreide auf den Tanzboden die Antwort auf die Frage: Was wirst du zurücklassen?“.

„Meine Leiche“, antworten manchen im Ensemble. deufert&plischke schaffen einen Tanzraum, den die Beteiligten gestalten. Kein Corps de ballet repräsentiert die Menge. Die Tanzszene selbst übernimmt den Job. Sie gelobt ihren freiwilligen Dienst und macht mit. Nur ein verrückter Schamane, Thomas Plischke, der sich mit Kabelbindern kleine Glöckchen ans Shirt onduliert hat, gehorcht keinen Anweisungen, sondern bildet frei das Zentrum inmitten der Folgsamen, deren Kunstrespekt immer auch von der Angst begleitet ist, die Kunst zu stören. Er wirft sich den Versammelten wie ein junger Artaud entgegen, mit indisch anmutenden Hüpfern, versteckt hinter der Maske einer Schaufensterpuppe. Er spielt, wie in archaischen Gemeinden üblich, den Künstler als Sündenbock. Das Opfer uriniert in sein T-Shirt und wischt den Boden, um die mit Kreide aufgeschriebenen Wünsche und Ängste der Gemeinde aufzunehmen. Dann zieht er das schmutzige Shirt wieder an – als sei’s ein religiösen Akt in einer Zeit, die bekannt ist als die Zeit der Postmoderne.

In der Postmoderne, so sagt man, sind die alten Weltordnungen, auch die der Religion, überwunden. Noch herrscht der Frieden des Aufbruchs. Kein Durcheinander. Mehr ein Aufräumen. Die Könige des Kommunismus sind gestürzt. Neue Diktatoren noch nicht erwacht. Die bürgerliche Welt nennt sich demokratisch, auch wenn sie selbst nicht so organisiert ist, stattdessen alle Macht so dringend delegiert als sei sie eine heiße Kartoffel. Wie im Theater. Das Publikum delegiert alle Macht an die Tanzenden, die ihre Macht an die Regie oder Choreografie abgeben, die sich wiederum strikt an die Regeln einer Intendanz hält, die sich eng an die jeweilige Politik anschmiegt, die vor 25 Jahren lediglich noch nicht vorhat, in die Kultur ihrer Zeit einzugreifen, um über sie bestimmen zu können.

Vor 25 Jahren ist Kattrin Deufert ein ständiger Gast des Brüsseler Flughafens und des Flughafens Tempelhof in Berlin, Gast an solchen „Nicht-Orten“, wie sie der französische Anthropologe Marc Augé nennt: non-lieux. Er ist ein viel gelesener Autor in dieser Zeit, die das Nomadische für sich entdeckt. Schon 1985 dringt der Philosoph Jean-François Lyotard 1985 mit seiner Pariser Ausstellung „Les Immaterieaux“ am Centre Pompidou zum Kern dessen vor, was er als die Postmoderne definiert: Nicht die Orte und ihre Besiedlung sind wichtig, sondern der Raum zwischen nur vermeintlich stabilen Orten: die Reise, der Weg, der Zwischenraum, das Nomadische. Auch die Zwischenräume der Geschichte nach dem Fall des Kommunismus sind gemeint.

Da bietet die Kunst mehr Orientierung als jede Politik. Kattrin Deufert promoviert zu John Cage, einem Star dieses Lebensgefühls. Dessen Freund, der Choreograf Merce Cunningham, gehört ebenso dazu wie Heiner Müller und sein Exeget, der einflussreiche Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann und Erfinder des postdramatischen Theaters, bei dem Kattrin Deufert promoviert. Lehmann ist der Verfechter der Idee, dass die Theorie eine Kunst sei. Eine Kunst zu sehen.

Die Kunst stößt nun vehement auf die Kunst der Praxis. Und zwar hier:

Beursschouwburg

Brüssel

„b-visible“

Florian Malzacher

2001 wird die Beursschouwburg, das alte Theater neben der Börse, renoviert. Das Team zieht in die Kazernestraat, in ein altes Möbellager als Ausweichspielstätte, das sie bsbBIS nennen. Weil die neuen Räume nicht aussehen wie ein Theater, lassen sich alle Parameter dessen, was man unter einem Theater zu verstehen habe, mühelos ändern. Warum dauert ein Theater drei Stunden oder weniger? Warum nicht zehn Tage? Warum nicht Tag und Nacht? Warum nicht eine Zahnbürste mitbringen? Man könnte sich im Theater treffen wie in einem Club. Rund achtzig Betten würden das Publikum dazu einladen, kein Publikum zu sein, sondern eine Gemeinschaft, die zusammen isst, ruht, spricht und schweigt, um sich und die Kunst zu erleben.

So geschehen durch das Brüsseler Kollektiv BDC (für Best Dance Company) um Thomas Plischke, Alice Chauchat, Hendrik Laevens und Martin Nachbar als ein zehntägiges, zehnmal 24 Stunden dauerndes Festival, bei dem Kattrin Deufert und Thomas Plischke ein Paar werden.

Zehn Tage ist viel Zeit, eine gute Zeit, um sich selbst, aber auch Theorie und Praxis in eine Liebesbeziehung zu verwickeln. Es gibt Workshops von Kattrin Deufert und Stefanie Wenner zum Thema „Illegale Erfahrung“. Der Bruder von Meg Stuart, Davis Freeman, Martin Nachbar und Lilia Mestre organisieren Workshops. Thomas Plischke: „Wir waren klug genug, bei so viel Talent um uns herum, alles zu delegieren. Die Filme kuratiert Yves Chauchat, die Konzerte Hendrik Laevens, die Performance-Programme habe ich gemacht, und auch dafür gesorgt, Lücken zu erzeugen, damit sich die Leute wirklich treffen.“

„b-visible“

Thomas Plischke

Ein anderes Theaterverständnis ist geboren. Ein Theater aus dem Geist des Clubs. Ein Club aus dem Geist des Theaters. Kopf küsst Körper. Die Dramaturgie verlässt den Hörsaal und entert die Tanzbühne. Der Tanzkörper verlässt den Spiegelsaal und betritt den Gedankengang. Thomas und Kattrin sind ein Paar, das einen ungewissen Weg antritt, aus Liebe zum anderen.

Und weil wir gerade bei der Liebe sind: Wen oder was lieben wir? Den anderen? Deren/dessen anderes Geschlecht? Lieben wir einfach einen Körper? Also uns selbst? Um das zu klären, braucht man Zeit. Kattrin Deufert und Thomas Plischke organisieren ein 72-stündiges Symposion, ein „Queerathon“ im Gent, gemeinsam mit Jeroen Peeters und Barbara Raes. Diesmal wird das Vooruit, das Kulturzentrum der Stadt, drei Tage lang zur Bettenburg, in der sie 2002 dem Begriff der „gender politics“ auf den Leib rücken. Was ist Queerness? Angenommen, queer ist die Fähigkeit, die Welt non-binär zu denken: Nicht nur „Mann oder Frau“ ist die Frage. Ebenso zu bezweifen wäre, ob es nur „Richtig oder Falsch“ gibt, „Gut oder Schlecht“? Was passiert, wenn das politische „Links oder Rechts“ keine Unterschiede mehr hergibt? Oder das hierarische „Oben oder Unten“ in kollektiver Aktion verschwindet? Wie passt das grassierende Lebensgefühl, „lebendig tot“ zu sein, zum kategorischen Unterschied zwischen „Lebendig oder Tot“?

Wie steht es mit „normal“ und „anormal“? Was im Theater ist normal? Wäre normal, wenn das Publikum behauptet: „Du tanzt und ich tue nichts“? Um nur darauf zu warten, dass ihnen nun irgend etwas passiert beim Zuschauen, während sie einen tanzenden Körper betrachten, der „ganz normal“ den Anforderungen entspricht, die man der Anatomie eines tanzenden Körpers eben unterstellt: schlank und biegsam zu sein?

So steht es in einem Brief von deufert&plischke an den Körper. Ist die Anatomie des Körpers nichts anderes als eine bloße Fest-Stellung unseres Bilds vom Körper?

Directories: #1 Europe Endless

Verzeichnisse: Lieder von Liebe und Krieg

Directories: #1 Europe Endless

Brüssel

Zurück in Brüssel legen sie 2003 ihre „Verzeichnisse: Lieder von Liebe und Krieg“ in Serie an: Mit „Directories: #1 Europe Endless“ geht es los, wieder in der Beursschouwburg. Sechs Stunden lang dreht sich alles um Erinnerungen an die eigene Kindheit, das Familienleben, die Suche nach der Identität, dem gender trouble beim Erwachsenwerden samt den Erfahrungen erster Verluste und der Trauer darüber.

Es ist die Geschichte von Kattrin Deufert und Thomas Plischke, die langjährig in homosexueller Beziehung leben, bevor sie sich in Brüssel treffen, um zunächst nur festzustellen: Beide sind am Main geboren, Thomas in Aschaffenburg, Kattrin in Würzburg.

Thomas Plischke, 11 Jahre alt; Kattrin Deufert, 13 Jahre alt

Thomas‘ Eltern lernen sich kennen in der Küche des noblen Hotel Tobler am Lago Maggiore inmitten einer väterlich streng durchchoreografierten französischen Kochkunst, die später auch in Garmisch-Partenkirchen und anderen bayerischen Lokalitäten zum Einsatz kommt (die Familie zieht immer mit).

Kattrins Eltern unterrichten an einer Schule im katholisch konservativen, gern auch homo- und xenophoben Würzburg. Früh erkrankt die Mutter an katatoner Schizophrenie, führt ihr Leben unkontrollierbar zwischen Hoffnung und schierer Verzweiflung. Kattrin entdeckt die Symptome während ihres Studiums in den körperlichen Texten zum Theater von Antonin Artaud und gründet die Frankfurter Küche, zusammen mit Pirkko Husemann. Um sie scharen sich bald u.a. Alexander Karschnia (der 2003 das Theaterkollektiv andcompany&Co aus der Taufe hebt) und Stefan Kaegi (als Mitgründer des Theaterkollektivs Rimini Protokoll). Es gibt herrliche Koch-Events und „intellektuelles Clubbing“: Laut Adorno lesen und Beats darüber legen. (Frankfurter Küche liest Frankfurter Schule)

I like Erika and Erika likes me

I like Erika and Erika likes me

Frankfurt am Main
Click on the window to knock!
Was provoziert? Dass das Private ins Öffentliche getragen wird?

In „Directories: #1 Europe Endless“ erkundeten beide die eigene Geschichte und bemerkten, dass dieselbe Geschichte sich allein schon dadurch ändert, sobald eine Wahrheit von einer anderen Person, also aus einer anderen Perspektive erzählt wird. Sogleich entsteht eine neue Wahrheit. Welche Biografie ist wahr? Oder sind alle Biografien eine Erfindung?

„Directories: #2 Songs of Love and War“

Anja Beutler

Was wäre, wenn in ihren „Directories: #2 Songs of Love and War“ aus dem homosexuellen Paar ein Geschwisterpaar werden würde, das sich ähnlich kleidet, dieselbe Frisur trägt, die gleiche Biografie teilt, etwa die von Kattrins hochbegabtem Bruder oder die von Thomas‘ Schwester die im Restaurant der Eltern bedient? Wir schreiben das Jahr 2005.

„Wir haben unsere Biografie gegenseitig so gestrickt, dass wir nun Bruder und Schwester waren. Denn das ist das größte Tabu, was Mann und Frau betrifft, die leidenschaftliche Beziehung zwischen Bruder und Schwester als ein Akt des Inzests.“

Etwa gleichalt, war es kein Problem, ein Künstler-Zwilling zu werden, ein „artistwin“. Um das Ganze nicht gleich als Inzest-Skandal verpuffen zu lassen, muss die Geschichte weitergehen:

Wir haben unsere eigene Sterilisation inszeniert und öffentlich gemacht. Demnach ließen wir uns in Prag sterilisieren, sind danach nach Marienbad und haben Fotos gemacht. Es gab einen Riesenaufschrei“

– zumindest bei allen, die nicht einmal ahnen wollten, dass Kattrin Deufert und Thomas Plischke irgendwann auch Eltern von zwei Söhnen sein würden.

Ihr Künstler-Zwilling wird über Nacht zu ihrem Markenzeichen. Der artistwin aus dem Tanz reiht sich nahtlos ein in die Tradition der bildenden Kunst, in die Ahnenreihe von Eva und Adele bis Pierre & Gilles und Gilbert & George – die in den 1980er Jahren ebensolche unzertrennlichen Stars waren wie zuvor die Kessler Zwillinge oder heute Irina und Marina Fabrizius – Paarbildungen, die einen Gleichklang erzeugen, und dafür sorgen, dass eben nicht nur eine Person geniegleich über die Autorschaft verfügt, sondern dass an allem immer mehrere beteiligt sind.

artistwin

Slideshow aus „As if (it was beautiful)“

deufert&plischke

Diese Idee gehört ebenso fest zum Zeitgeist, wie die Feststellung, dass Tanzen kein Selbstzweck ist, nichts für sich alleine steht, und der Tanz sogar sehr gern all die Fragen, die über ihn und über den Körper entstehen, in die Gesellschaft weiterreicht. Kein Tanz muss nur tanzen, wenn auch des Kostüm mitspielt, die Fotografie, die Sprache, die Strickkunst: Das Stricken von Geschichten, die spiegelverkehrte Fotografie, die weiße Strumpfhose. „Kattrin hat in unsere Beziehung Fotokameras aus ihrer Schatzkiste mitgebracht und ich die Strumpfhosen. In unserer ersten Aktion im Spessart haben wir uns so gegenseitig fotografiert“, sagt Thomas.

Auch auf der Bühne tragen beide die weiße Strumpfhose. Nicht als Erkennungszeichen. Dafür kommt sie zu plötzlich ins Bild. Es ist eine Strick-Strumpfhose, zu der es früheste Erinnerungen gibt: als Kind einsteigen zu müssen in diesen Schutzraum, der eng am Körper hochgezogen wird. Und noch mal hochgezogen wird, damit alles passt. „Als ein Schutz, der die Nacktheit umhüllt, aber nichts am Körper verschleiert. Ein Container, eine Art Rüstung“, sagt Kattrin Deufert. Thomas Plischke erinnert die Strumpfhose an den Jungen, „der sie noch als 10-Jähriger tragen musste, dafür verhöhnt und verklopft wurde. Da haben ich und andere Freunde unsere Eltern gefragt: Können wir wieder Strumpfhosen haben? Dann wäre er nämlich nicht alleine. Aber alle unsere Eltern sagten: Nee. Da merkten wir, die haben Angst vor der Strumpfhose. Männer tragen keine Strumpfhose, die tragen nur Frauen und Tänzer, also schwule Tänzer. Die Strumpfhose ist ein so homophobes Zeichen, dass sie zum Stolperstein in unserer Arbeit werden musste.“

Auf diese Strumpfhosen durften die Leute in „KonSequenzen“ (2008) etwas schreiben. Wie leere Häute hängen sie in „Anarchiv#2: second hand“ (2009) an der Wand, vollgeschrieben mit den Ängsten der Leute.

Und die Kamera? Sie ist der Reflex auf den Körper, eher doch: Reflex auf das Bild vom Körper. Kattrin Deufert sieht dies deutlich bei den Bildern der New Yorker Fotografin Diane Arbus, „wie die Bilder den Körper inszenieren, ihn ausstellen, etwas sichtbar machen, was sonst nicht gesehen werden will: all die kleinen Schrägheiten und fast unsichtbaren Manien.“ Das Foto ist wie ein angehaltener Blick. Nicht der bewegte Blick, wie im Tanz, sondern der genaue Blick: Darum sind Tanz und Fotografie ein Paar, ein aus der Bewegung herausgelöstes Moment der Wahrheit. Diese Entdeckung geht auf eine der frühesten gemeisamen Arbeiten der beiden zurück, auf „P.I.P. (picture= performance= picture)“ aus dem Jahr 2002.

Rücken an Rücken sitzen sie in Frankfurt/Main an zwei separaten Tischen. Zwei Kameras nehmen sie auf. Durch eine spiegelverkehrte Projektion sitzt das Paar auf dem Bild zusammen an einem Tisch. Das täuscht. Es geht um das lustvolle Falscherkennen durch die Projektion. Diese behauptet etwas, das so nicht stimmt. Die Projektion bringt eine zweite, also schizophrene Wirklichkeit hervor: Ein Paar sitzt zusammen an einem getrennten Tisch. Ist es nicht diese Schizophrenie aus Projektion und Wirklichkeit, die Homophobie und Misogynie überhaupt erst erzeugt?

oben: „KonSequenzen“; rechts: „P.I.P.“

Lilo Nein & Martina Nowak

2005 lädt die deutsche Kulturstiftung des Bundes ins polnische Dorf Jagniątków am Fuß des Riesengebirges, ins Haus des polnischen Tänzers bei Pina Bausch, Janusz Subicz. Tanzschaffende sind gekommen, auch ihre Gäste, etwa der französiche Lichtdesigner Pipon, Paweł Gozlinski, der Theaterredakteur der Zeitung Gazeta Wyborczej, oder Veronika Blumstein aus Warschau, die in den 1960er Jahren mit dem Künstler Robert Rauschenberg in New York gearbeitet hat. Wegen eines gebrochenen Beins konnte sie nicht teilnehmen, schickt aber Pakete ins Dorf. Eins der Pakete enthält ein Paar Rollschuhe. Darum streiten sich die polnische Tänzerin Helena Gołàb und der deutsche Tanzkurator Peter Pleyer, während sich Ryszard Kalinowski, ein Choreograf aus Lublin, gleich an die Arbeit macht, die erste Choreografie eben jenes Künstlers Robert Rauschenberg aus dem Jahr 1963 zu rekonstruieren. „Pelican“ hieß sie. Überliefert ist dazu von Rauschenberg vor allem dieser Satz: „Da ich nicht viel darüber wusste, wie man einen Tanz choreografiert, nutzte ich Rollschuhe als Mittel, um mich von jeglichen Hemmungen zu befreien, die ich vielleicht gehabt hätte.“

Künstlerinnen Erfinden

„Veronika Blumstein“: Isabel de Naverán auf Rollerskater

deufert&plischke

Veronika Blumstein hätte wirklich behilflich sein können, war sie doch eine Zeitzeugin. Aber sie hat gefehlt. Weil sie nie existiert hat. Sie ist eine Erfindung von deufert&plischke. In ihrem Namen gibt es nichtsdestotrotz ein Jahr später in Bremen ein ganzes Festival: mit Rekonstruktionen ihres nicht vorhandenen Werks, mit Performances, Vorträgen, Workshops und einem wissenschaftlichen Salon. Noch einmal 2007 bringt sie zur Eröffnung des K3 – Zentrum für Choroegrafie / Tanzplan Hamburg das Publikum in Bewegung. Die polnische Choreografin wird zu einem Modell, einer Instanz, an der – wie bei allen historischen Figuren aus der Kunstgeschichte – jede Kritik abprallen muss.

Toni Roth

deufert&plischke

Felicitas P. Berg

deufert&plischke

Elfriede Voss

deufert&plischke

Alyaen

deufert&plischke

Niemand käme auf die Idee, hier über ein Werk von deufert&plischke zu urteilen. Im Gegenteil: Neugierig entdeckt man gemeinsam mit dem Künstlerzwilling eine unbekannte Person, beugt sich über etwas scheinbar Überliefertes, über ein Erbe, wie später auch bei anderen Figuren aus dem Fundus von deufert&plischke, bei Toni Roth oder der Malerin Felicitas P. Berg, Elfriede Voss und Alyaen. Die von ihr hinterlassenen Gemälde wurden vom Publikum sogar käuflich erworben: Werke einer nicht existenten Person.

Die Kulturstiftung des Bundes beschließt ab 2011 für acht Jahre große Teile der deutschen Tanzszene dadurch zu ernähren, dass sie eine heutige Generation von Tanzschaffenden zur Erbin der Avantgarde von Gestern erklärt. Deren Vorfahren heißen Robert Rauschenberg oder John Cage. Nun werden lebende Tanzschaffende zum potenziellen Bestand der sechs deutschen Tanzarchive. Um dort verwahrt zu werden.

Kann man dort auch das Werk einer Veronika Blumstein bewahren? Kann man ein Werk bewahren, wenn es maßgeblich nicht von zwei Kunstschaffenden ausgeführt worden ist, sondern allein durch ihr Publikum? Eine frühe Versuchsanordnung von deufert&plischke heißt „KonSequenzen – Rhythm is it“. Das Publikum erhält 2008 spielerische Anweisungen. Wie es sich anstellt bei der Anprobe von fremden Regeln, beim Versuch, nie geübte Schritte zu üben, davon bekommen deufert&plischke fast nichts mit. Sie wohnen der Performance mit geschlossenen Augen bei, um sich jedes eigene Urteil, jeden Eingriff, jeden Kommentar zu versagen. Sie sind wir gestorbene Erblasser: Ihre Anwesenheit sorgt zwar für einen gewissen Resepkt. Aber ihre Unfähigkeit einzugreifen, entspricht exakt der Situation aller Kunstschaffenden am Ende ihres Lebens.

Die Fragen an das Archiv, die falsche Gläubigkeit im Umgang mit Artefakten, alten Programmheften, handschriftlichen Notizen und löchrigen Kostümen, münden ab sofort in ihr „Anarchiv“. Um das zu erzeugen, lässt sich schon zu Lebzeiten die eigene Biografie fälschen, sein Leben fälschen, sogar die eigene Kunst fälschen, solange man noch lebt. Man kann sich selbst kopieren und diese Kopie munter immer so weiter kopieren, immer so weiter machen. Denn darum geht es bei Archiv doch: vor allem um die Weitergabe.

Anarchiv#2

„Anarchiv#2: second hand“

Barbara Greiner

2010, in „Anarchiv#2: second hand“, tanzen deufert&plischke ein Duo. Es folgt ein nahezu identisches zweites Duo der Choreografinnen DD Dorvilier und Cecilie Ullerup Schmidt. Dieses Duo wiederum fordert das Publikum auf, eine Kopie der Kopie mit dem eigenen Körper zu kopieren. „Was für ein herrlicher Spaß“, sagt Thomas Plischke, weil auf einmal klar war, dass es im Tanz keine Kopie geben kann, nur echte Körper, nur echte Eigenwilligkeit: „Zu viert haben wir Schuhplattler getanzt, und klar: Wenn dann 60, 70 Leute mit ihrem Schuhplattler antworten, ist das nicht dasselbe … sondern sehr, sehr viel besser!“

Es ist die Resonanz durch ein Publikum, die wesentlich für ein Ereignis sorgt. Will heißen: Das Publikum ist der Urheber. Sie sind die Voraussetzung für ein Ereignis.

Und was genau ist ein Ereignis? In der Musik etwa, sagt der Musikdramaturg vieler Projekte von deufert&plischke, Alain Franco, war die Festspielidee von Richard Wagner so ein Ereignis. Wagner nutzte lauter Archetypen aus dem „Nibelungenlied“, die seinen „Ring der Nibelungen“ als etwas völlig Neues erscheinen ließen. Solche Archetypen im Tanz wären Laternenumzüge, Maskeraden, Paraden. Man geht spazieren, lauscht der Musik, hört einander zu. Man spielt und tanzt in „Anarchiv#3 Songs of Love and War“ (2011) ebenso wie ein Jahr später im „Entropischen Institut“ (2012), und lässt in der Beschäftigung mit der Kunst lauter Hintertüren spielerisch auf- und zuklappen, um den Sinn des Tanzes zu ergründen. Der Sinn des Tanzes ist: das Fest.

Hamburg Kampnagel 2013

Anja Beutler

Uferstudios Berlin 2012

Felix Classen

„Entropisches Institut“, Sofia 2012

deufert&plischke

Tmuna Theater Tel Aviv 2014

deufert&plischke

Sofia 2012

deufert&plischke
„Man kann ein Fest nicht feiern, indem man zuguckt“

„Das Fest ist ganz typisch für den Tanz. Das hat nichts mit Mitmachttheater zu tun, es hat überhaupt nichts mit Theater zu tun. Wenn es nur für den Moment eines Fests gelingt, dass die Leute vergessen, wo und wer sie gerade sind, dann hat der Tanz alle auf Augenhöhe erreicht. Das ist die Funktion des Tanzes. Theater dagegen braucht und erzeugt eine Distanz. Im Theater ist auch der Tanz gezwungen, diese Distanz zu wahren. Aber die Wand zwischen Publikum und Kunst ist nicht in Beton gegossen. Als Ereignis eines Festes zählen eben gerade die Momente, in denen das Publikum das Geschehen komplett übernimmt“, sagen deufert&plischke.

„Durcheinander“

Simone Steiner

Durcheinander

Berlin

Just in Time

Berlin

Ja, sagt ihr bisher größtes Projekt: „Just in Time“. Zwischen Berlin und Dubai sammeln deufert&plischke seit 2016 auf über achtzig Workshops in bislang 21 Städten auf vier Kontinenten tausende von „Lieblingsbewegungen“ von den Teilnehmenden und bitten sie um einen persönlichen Brief an den Tanz. „Lieber Tanz“ enthält wunderbare Liebeserklärungen von Unbekannten und von Persönlichkeiten wie der Cunningham-Tänzerin Valda Setterfield oder der bekannten Tanzpädagogin Janet Panetta.

Aber auch Botschaften von Menschen, „die Teil der tanzenden Community sein wollen, sich durch Krankheit, durch Schmerz, aufgrund des eigenen Körperdispositivs, das sie ausschließt, nicht befugt fühlen, am Tanz teilzuhaben“, sagt Kattrin Deufert.

Seit 2021 tourt zusätzlich eine „The Flying Archive anarchiv TANZ.digital“ genannte Klang- und Filminstallation in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tanzarchiv Köln durch die Welt – als eine Liebeserklärung an den Tanz, an das Leben und die unmittelbare Erfahrung, die man eben nicht sammeln kann, weil Leben sich gegenseitig berührt und anstößt und ein Ereignis bildet.

The Flying Archive anarchiv TANZ.digital

weltweit

„Just in Time“

deufert&plischke

„Just in Time“ ist unsere Antwort an das Archiv, sagt Thomas Plischke: „Ein Archiv, das Tänze bewahrt, um sie nachahmen, ist das eine. Aber die Körper, die man auf den alten Aufnahmen sieht, sind andere Körper, die andere Ängste hatten. Was haben sie mit der Angst zu tun, die momentan herrscht und so großen Einfluss hat auf die heutigen Körper? Es geht ums Heute, nicht um das Imitieren eines Gestern. Es geht, auch für ein Archiv, um das Heute der eigenen Kinder, nicht darum, die vergangene eigene Kindheit zu bewahren oder zurückzuholen. Es geht nicht darum, eine Tradition zu behaupten, sondern ein Morgen zu ermöglichen.“

spinnereischwelm

Schwelm

Dieses Morgen fand einen Moment lang ein Zuhause in der Fußgängerzone in einer deutschen Kleinstadt nahe Wuppertal. 2020, mitten im Lockdown, zieht die vierköpfige Familie ins Bergische Land nach Schwelm. Sie eröffnet in einem Ladenlokal einen Artist-run Space, die spinnereischwelm. „Hier wird Zeit verbracht ohne Konsumzwang. Menschen begegnen einander, um Ideen kreativ umzusetzen. Hier wird gemeinsam gearbeitet, geschrieben, genäht, gestrickt, gelacht, erzählt, verschoben, verrückt, geträumt, geatmet und gedacht.“ Ein Freiraum für das, was man gemeinhin als Kultur bezeichnet, ein Ort fürs Zwischenmenschliche. Fünf Jahre später verliert die Bevölkerung diesen Ort mangels Finanzierung. Schwelm bleibt dennoch das Zuhause.

deufert&plischke

In einem leerstehenden Freibad entsteht 2024 mit Einheimischen und Kunstschaffenden die Performance „Fountains“. Der Körper wird betrachtet als ein Brunnen voller Flüssigkeit. Die Feuchtigkeit eines hilflosen, trotzigen, sich schämenden, begehrenden Körpers. Das berührt, wie Kunst eben berührt, sobald sie Tabus anfasst, Sehnsüchte freilegt, Ängste anspricht und ganz und gar unkontrollierbare Reaktionen auslöst: Weinen, Lachen, Ekel. Tränen, Schmerzen, Emotionalität.

Das passiert, wenn man etwas mit Haut und Haaren schafft, in einem Prozess, in dem man „sich extrem miteinander ausgetauscht und sich stark konfrontiert“, weil man eben nicht für andere tanzt, sondern mit anderen und durch andere tanzt, auf die man reagiert, mit denen man sich streitet, von denen man beleidigt wird und sich immer wieder durch einen langen Tunnel der Missverständnisse gräbt. „Erst ganz am Ende entsteht etwas Exzessives, Ekstatisches, mit Freudentränen und Tränen der Erschöpfung, wie bei einer Ernte, wenn man das Heu einfährt und dann eben auch feiern darf.“

Wer 25 Jahre lang so arbeitet, hat nicht nur 25 Jahre gefeiert, sondern 25 Jahre lang vor allem  Konfrontationen und Abschiede erlebt. Von Sub-Sahara bis nach Nordfinnland sind sie mit ihren Gästen gemeinsam durch Situationen gegangen, die man so schnell nicht vergisst. Am nächsten Morgen sagt man trotzdem: „Tschüss, wir sehen uns bestimmt wieder, auf ein nächstes Projekt.“ Das aber nie stattfinden wird, weil das Wort „Nachhaltigkeit“ in der Tanzwelt zwar existiert, aber die nötige Kontinuität nicht, „da eine Projektförderung offenbar immer genau dann endet, wenn es spannend wird. Also haben wir begonnen, den Menschen, die wir verlassen mussten, einen visuellen Brief, eine künstlerische Videodokumentation zurückzuspielen.“

Das Rona-Kollektiv

deufert&plischke
Diese Videos sind nicht das, was von der Arbeit bleibt, sondern eigenständige Kunstwerke: „Sie sind Ausdruck der Hoffnung auf Kontinuität. Darum werden wir unsere Arbeit nach 25 Jahren nun so fortsetzen, wie wir sie begonnen haben: Sie nahm ihren Anfang am bsbBIS in Brüssel. Jetzt arbeiten wir für die Kunsthalle Bapedi Hall im südafrikanischen Soweto, zusammen mit dem Rona Kollektiv, wieder mit Gleichgesinnten aus Madagaskar, Mosambik und Südafrika.“