Der Wunsch zu kämpfen

Dort wo die Jungs sind
Kampfkunst ist wie Schachspielen mit dem Körper

Johannes Malchow

Wer kämpft, ist ein Krieger. Oder ein Künstler? Der israelische Choreograf Yotam Peled erforscht die Ähnlichkeiten zwischen Kampf- und Tanzpraktiken. Ein Gespräch über (Gewalt-)Fantasien, Zärtlichkeit, Schmerz und Verletzlichkeit.

Journalistin aus Zürich

Zwei junge, durchtrainierte Männer in Sporthosen und T-Shirt betreten im Tanzhaus Zürich kämpfend die Bühne. Auch wenn sie nicht wirklich kämpfen, bewegen sie sich zu zweit, im selben Rhythmus, geben vor zu kämpfen. Es ist eine Inszenierung. Es ist Kampf-Kunst. Der Rhythmus ändert sich, die Griffe werden fester, einer der beiden geht zu Boden. Er sammelt seine Kräfte, richtet sich wieder auf, das Ringen geht weiter. Auf dem Höhepunkt des Kampfes halten die beiden inne. Es wird still. Ihre Hände ruhen auf den Schultern und dem Nacken des Gegenübers. Ist das nicht Zärtlichkeit? Ist das noch Kampf? Ist es nicht: Tanz?

Der israelische Choreograf Yotam Peled gibt Einblick in sein künstlerisches Schaffen. Zehn Tage lang hat er zusammen mit zwei professionellen Kämpfern die Ähnlichkeiten zwischen Kampf- und Tanzpraktiken untersucht. Das Resultat ist eine halbstündige Performance mit dem Titel „Where the boys are“ („Dort, wo die Jungs sind“). In dieser Form wird sie so nicht mehr zu sehen sein. Aber sie wird sich weiter entwickeln, um im Rahmen der Plattform „Explore Dance“ im März 2023 in der Fabrik Potsdam wieder sichtbar zu werden.

„Where the boys are“ ist ein kurzes Kräftemessen. Jeder will den anderen besiegen. Durch den ständigen Zusammenstoß geben ihre Körper schließlich nach, brechen zusammen, wodurch Raum entsteht für Verletzlichkeit und andere Arten der Berührung. Aus dem Kampf wird ein Spiel – wie zwischen jungen, wilden Tieren oder eben: zwei Boys. Es geht um mehr als ums Kämpfen, Tanzen, Spielen. Mit „Where the boys are“ rührt Yotam Peled an einer Reihe von Themen rund um die Männlichkeit. Viele sind mit einem Tabu behaftet. Es geht um nicht ausgelebte (Gewalt-)Fantasien, um Zärtlichkeit, um Schmerz und Verletzlichkeit.

Yotam Peled hat selbst einen Kampfkunst-Hintergrund: Er trainierte als Jugendlicher mehrere Jahre lang Capoeira, bevor er im Alter von 21, nach dem Abschluss seines dreijährigen Militärdienstes in Israel, mit dem Tanzen begann. Die professionellen Kampfsportler, mit denen er in Zürich zusammenarbeitet, gehören einer Kung-Fu-Schule an und kommen ursprünglich aus dem Kampfsport, vom Boxen und Wrestling.

Kampfkunst und Kampfsport wird oft synonym verwendet. Beide Begriffe stehen für Kampf- oder Verteidigungstechniken – wobei Kunst meist mit List und Tücke, pfiffigen Winkelzügen und einer Art Schachspiel der Körper assoziiert wird. Sport hingegen meint das Gegenteil: das Befolgen von Regeln und das Messen einer Leistung. In Kampfkünsten wie Kung Fu oder Capoeira geht es traditionell um das Besiegen des Gegners. Und anders als im Sport, der auch ein Unentschieden hinnimmt, spielen in der Kampfkunst Gemeinschaftsrituale, Spiritualität und Ästhetik eine wichtige Rolle.

Dort, wo die Jungs sind

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Kampfkünstler, die gegeneinander antreten, wollen ihren Gegner besiegen – es ist ein Ringen um Überlegenheit. Yotam Peled geht einen anderen Weg: Er lässt seine Performer nicht nur kämpfen, sondern auch innehalten, zusammenbrechen, scheitern – bis ihre Verletzlichkeit sichtbar wird. Der Widersteit der Körper wird zum Spiel der Kräfte, um die eigenen Schwächen und Stärken am Gegenüber zu entdecken. Es entsteht Raum für neue Arten der Berührung – spielerische, zärtliche – die wir uns im Alltag selten erlauben. Ein Gespräch.

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