Das gilt besonders für die “Goldberg-Variationen”, die 2020 mit Anne Teresa De Keersmaeker entstanden. 2019 kam Anne Teresa auf mich zu und sagte, sie wolle vielleicht etwas mit den “Goldberg-Variationen” machen. Ich weiß, wenn sie über etwas spricht, dann bedeutet das: Diese Produktion wird stattfinden. Und wenn sie mit jemand Bestimmtem darüber spricht, bedeutet es, dass man gerade gefragt wird, daran mitzuarbeiten. Es gab allerdings eine gewisse Unschärfe in ihrer Formulierung, was daran lag, dass sie mit dem russischen Pianisten Pavel Kolesnikov arbeiten wollte, einem Talent, das gerade international eine steile Karriere hinlegte. Ich sollte also nur als Musikdramaturg fungieren, nicht als Pianist, was mir angenehm war. Dann aber kam Corona und weil Kolesnikov in London wohnte, gab es mit dem endgültigen Lockdown keine wirklichen Reisemöglichkeiten mehr.
Es ging uns bei den “Goldberg-Variationen” weniger darum, noch einmal zu wiederholen, wie sehr Bach in seinem Nachlass die Zeit des Barock auf so exzellente Weise verdaut hat. Vielmehr ist in den “Goldberg-Variationen”, einem Klavierwerk mit dreißig Variationen, erstaunlicherweise kaum etwas von dem zu finden, was Bach selber wichtig war: der Kontrapunkt, die harmonischen und ästhetischen Spekulationen über Form und Ablauf. Alle Welt kennt die “Variationen” dank Glenn Gould. Für Anne Teresa, glaube ich, bot dieses Werk zunächst einmal eine Struktur für ihr Solo, in dem sie die ganzen Bandbreite ihres Schaffens zeigen konnte in einem ständigen Widerspiel von Mathematik und Gefühl, der Dialektik von Form und Intuition.
Mittlerweile hatte sie über fünfzig Produktionen gemacht, sie hat sich einen Stil aufgebaut, sie ist wiedererkennbar. Sie will dieses System von einer Produktion zur nächsten erhalten, auch in der Musik, mit sie der arbeitet. Ihr choreografisches System enthält zum Beispiel die wiederkehrende Spirale oder den Goldenen Schnitt, und vom Goldenen Schnitt geht es weiter etwa zur Fibonacci-Reihe, also dieser Folge von Zahlen, die aus der Summe der beiden ihr vorangehenden Zahlen besteht. Es ist nicht schwer, bei Anne Teresa die musikästhetische Diskussion auch auf der tänzerischen Ebene zu führen.
Dennoch habe ich das Gefühl, es gibt eine historische Diskrepanz zwischen der Tonkunst und der Tanzkunst. Man hat sofort eine Hierarchie im Kopf: Dort sind die Musiker, die den Ton angeben, und da sind die Tänzer, die auf den Ton zu folgen haben. Natürlich darf man heute etwas ambitionierter sein als Walt Disney, der zu jeder Note einen Schritt zeichnete. Ich denke, Anne Teresa De Keersmaeker hat diese hierarchische Konstruktion ein wenig verschoben. Ich selbst empfinde mich auf der Bühne nicht nur als Musiker, ich agiere dort als Bühnenkünstler. Ich sehe die Bühne, wie das Publikum auch, als ein Ganzes. Ich versuche also, wo immer möglich, die Trennung zwischen Tanz, Musik, Licht, Raum aufzuheben. Genau das macht ein Theater aus: alle Gewerke zusammen sehen zu können.
Nur in der Praxis passiert das sehr selten, gerade in der Oper. Wann interessiert sich ein Dirigent für die Regie oder gar für die Dramaturgie? Treffen sich Dramaturgie und Regie zu einem Arbeitstreffen, ist der Dirigent einfach nicht verfügbar oder schickt den Assistenten. Ich verstehe solche Ignoranz nicht. Wieso gibt es in der Musik so gar keine Resonanz auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Opernwerk? Hat man Angst, dass eine neue Theaterinterpretation auch Folgen für die Musik haben könnte? Der Regie ist es ja nahezu grenzenlos gestattet, das zu tun, was sie will, ob Mozart bei McDonalds stattfindet oder der Freischütz sich weigert, in die ukrainische Armee einzutreten. Aber wehe, es würde jemand auch nur einen Ton in der Partitur verändern. Wenn ich frage, warum ich in der Musik keine Änderung vornehmen darf, habe ich nie eine befriedigende Antwort erhalten. Niemand kann mir schlüssig erklären, warum eine zeitgenössische Interpretation auf der Bühne möglich ist, im Orchestergraben aber nicht. Damit sind wir wieder da, wo wir angefangen haben: bei der Sakralisierung. Diesmal nicht der Heiligsprechung von Bildern, sondern von Partituren. Die Bühne wird betrachtet wie ein Obstbaum, von dem man sich pflücken kann, was man will, solange man nur nie, niemals, an den Wurzeln rührt, an der Partitur.
Mein Problem mit dieser Antwort ist, dass ich mit dieser naturmetaphorischen Gedankenführung wenig anfangen kann. Sie ist zutiefst ideologisch grundiert. Es ist ein landwirtschaftlicher Begriff von Kultur und hat mit Kunst nichts zu tun. Die Partitur ist heiliger als jeder Text. Milo Rau, der Regisseur, hat mal in einer Fünf-Punkte-Erklärung gefordert, dass kein einziger Text so aufgeführt werden darf, wie er ist, sondern von den Schauspielenden als Material immer erst noch zu bearbeiten sei. Ich bin mit Milo Rau sehr einverstanden: Ein Text, eine Partitur ist kein Geschenk der Geschichte, zu dem gesagt wird: “Bewahre das so gut wie möglich auf”. Ein Text, eine Partitur aus der Vergangenheit, als es noch Könige gab, ist auch keine Krone, die man sich selbst aufsetzen kann. Unsere Wurzeln sind nicht die Monarchie. Wenn überhaupt, dann ist die Revolution die Wurzel der Geschichte und die der Demokratie. Aber gerade scheint der Zeitgeist sich zu drehen und tut so, als sei die Klassik – was überhaupt nicht stimmt – ein vorbürgerliches, also heiliges Phänomen aus einer Zeit, als die adelige Welt noch in Ordnung war. Diese Tendenz, jeder vorrevolutionären, vormodernen Geschichtsepoche durch totale Konservierung oder Mumifizierung die Referenz zu erweisen, quasi zum Wohl des Königs, ist ein Irrtum. Die Klassik war und ist nie etwas anderes gewesen als die Suche nach bürgerlicher Freiheit.
Als der Tanz sich in den 1990er Jahren, auch durch die “flämische Welle”, die Freiheit nahm, seine eigene Wut zu formulieren, um nicht mehr nur Ausdruck “von etwas anderem” zu sein, sondern selbst zur Aktion wurde, bei Jan Fabre, bei Wim Vandekeybus, bei Alain Patel, da gab es die Hoffnung, dass es nicht länger wichtig ist, was auf der Bühne dargestellt wird, sondern dass man nun weitergehen kann, tiefer und tiefer in das Material hinein, in den eigenen Körper, in den Klang, in die Bildtiefe. Auf Französisch sagen wir: „dans la profondeur de champ“, in die Tiefe des Feldes, in dem auch ein “chant” mitschwingt, die Stimmtiefe. Das entsprach exakt dem Verfahren von Heiner Müller, der über Shakespeare einfach immer weiter nachgedacht hat – der die Tiefe suchte und viel Platz brauchte, um sich nicht in diejenige Enge einsperren zu lassen, die man Evidenz nennt, sprich: die Enge, die entsteht, wenn man immerzu das Einverständnis des Publikums sucht. Braucht ein Publikum aber wirklich vollkommene Klarheit gegenüber einem Kunstwerk, eine säuberlich geschlossene, in sich restlos konsistente Form, die es nicht mehr möglich macht, selber zu sehen, selber zu hören oder selber zu denken? Der Philosoph Markus Steinweg hat diesen Vorgang schlichtweg “Evidenzterror” genannt.
Dagegen ist Kunst, auch im Tanz, auch in der Musik, eine Forschung am Material. Ich gebe ein Beispiel. Wenn wir in den Anfang von Wagners “Rheingold” hineinhören oder in die Partitur gucken, dann ist da ein tiefer Es-Klang notiert, erst von einem Kontrabass erzeugt, ein paar Takte später von Violoncelli verdoppelt, dann von der Bratsche usw. Allmählich entstehen Klangwellen um diesen Es-Klang herum. Was Wagner mit diesem Es-Klang macht, ist genau dasselbe, was heute der Komponist Gérard Grisey in “Les Espaces Acoustiques” und seiner Spektralmusik macht. Beide, Wagner und Grisey, unternehmen eine Analyse dessen, was eine Resonanz ist. Ein Klang ist ein Spektrum mit Obertönen, abhängig davon, welches Instrument ihn erzeugt, welche Raumakustik vorherrscht, welcher Typus von Lautsprecher eingesetzt wird oder ob das Endgerät analog oder digital ist. All diese Bedingungen kreisen um ein Phänomen, das wir als einen Es-Klang erkennen. Das Hören identifiziert nicht nur. Das Hören vergleicht auch. Warum dann nicht Wagner mit Grisey vergleichen oder sie miteinander montieren? Wagner setzt darauf, dass der Klang über ein Intervall eine Distanz zurücklegt, um sich konstituieren. Grisey sagt: Ich brauche diese Distanz nicht, weil die Resonanz der Obertöne zum Klang selbst gehört. Man kann Grisey als abstrakte Musik empfinden, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Jeder Klang ist entweder ganz real da oder jeder Klang ist ebenso abstrakt wie eine Lufterscheinung.
2022 hatte ich das Glück, ein Stück für den Brüsseler Tänzer und Choreografen Igor Shyshko zu kreieren, “Malus”. Auch da ging es um den Es-Ton bei Wagner und um Grisey. Am Anfang beziehe ich Wagner auf die elektronische Musik von Eliane Radigue, worauf Anton Bruckner und Gérard Grisey folgen. Es entstehen Klangbilder im Sinn von Bildern, musikalischen Bildern über das, was in der Resonanz passiert und welche Beziehung ein gespielter Ton zu seiner Resonanz aufbaut.