Und was ist Tradition? Gibt es eine traditionelles „Romeo und Julia“-Ballett? „Wirkliche Traditionen“, sagt er nach kurzem Überlegen, sind „die Freundschaft, Solidarität, das gemeinsame Arbeiten, das Bestehen von Aufgaben, die man sich selbst und anderen zumutet. All das sind traditionelle Formen, denn so leben wir zusammen. Es ist eine Tradition, die eingeübt, weitergereicht, weitergegeben wird von einer Generation zur anderen, wie all die alten Gemälde auch, wie die alte Folklore, wie die alten Lieder. Natürlich verändert sich das, die Zeit verändert sich. Und die Machtverhältnisse ändern sich. Es war General Franco in Spanien, der diesen Traditionen der Gemeinschaft einen religiösen Anstrich überstülpte, der die Macht der Kirche auch für sich nutzen wollte, der eine Prozessionen der Stände erfand und es gern sah, wenn die Gläubigkeit sich auf den faschistischen Staat abfärbte. Ja, man kann Traditionen neu definieren. Auch in der Religion geht es ja nicht um Maria, Christus oder die Heiligen, sondern erst einmal um ganz dumme Dinge: um einen Anlass, tanzen zu dürfen, aufstampfen zu dürfen, schreien zu dürfen, singen zu dürfen, seine Angst auszudrücken, die noch aus Zeiten stammt, als wir in den Höhlen bei den Tieren lebten, als es noch nicht um die Religion ging, sondern ums Überleben. Die Religion war nur schlau, in dem sie auf diese Unwägbarkeit ihre Antworten erfand. Das unterscheidet sie in nichts von dem, was die Kunst kann: das Leben erfinden.“
Erstaunlich. Eben noch versuchte sich Marcos Morau seinen Schritt als freier Choreograf in die großen Staatstheater zu erklären. Eine Sekunde später erlebt man ihn am Küchentisch als einen Mann, der über seine Zwänge und über die Ursachen von Zwängen sehr genau nachdenkt, als ein Künstler auf der Suche nach Möglichkeitsräumen. Um festzustellen: „Es ist unmöglich: Die Kunst ist nicht frei. Sie ist sehr abhängig. Nicht nur Franco, auch die Sowjetunion hat die Kunst des Volkes genutzt, unterwarf die Folklore dem Ballett, um dieses Vielvölkerreich zu einigen. Darum gab es in der Sowjetunion die Förderung der Künste, die Unterstützung der Musik, des Balletts, auch des Sports. Viermal war ich vor der Invasion der Ukraine in Russland, um dort mit La Veronal aufzutreten. Mich hat immer fasziniert, wie stark dort die Folklore ist, so kraftvoll, dass man – in Spanien manchmal auch – das Gefühl hat, dass die Kunst in der Zeit stehen geblieben ist, dass sie aus sich selbst heraus einen Museumseffekt produziert: Oh, so etwas gibt es noch …, denkt man. Aus dieser Tradition heraus umgeben sich Politiker auch in Spanien so gern mit Kunstschaffenden, die Bürgermeister von Barcelona, Valencia, Madrid. Kunstschaffende sollen ihre Kandidatur unterstützen, damit etwas von ihrem Geist auf die Politik abfärbt … Du schüttelst den Kopf?“
„Ich schüttele ihn, ja“, sage ich, denn ich sehe keine Politik in dieser Welt, die sich noch um Kunst schert, um die Fähigkeit des Menschen, etwas anderes als Kapital anzuhäufen. „Eben, die Kunst ist nicht frei“, sagt er und lächelt: „Aber die Kunst bezieht ihre Freiheit genau daher, aus dieser Unfreiheit.“