Kunst und Lüsternheit – Die Tragödie des Jan Fabre

Mount Olympus - Jan Fabre
"Mount Olympus" hieß das 24 Stunden dauernde, wunderbar verstörende Meisterwerk des belgischen Choreografen Jan Fabre, das sich äußerst klug mit dem Wesen der griechischen Tragödie beschäftigt hat. Das hier nachfolgende, reich illustrierte digitale Buch zeigt diesen Meilenstein des Tanztheaters und unterzieht ihn einer minuziösen Analyse
(im Bild: Kasper Vandenberghe, Merel Severs).

Wonge Bergmann

Am 12. September 2018 veröffentlichten zwanzig Tänzerinnen der Antwerpener Kompanie Troubleyn einen offenen Brief in der digitalen flämischen Kunstzeitschrift „Rekto:Verso“, in dem sie den Gründer und künstlerischen Leiter Jan Fabre beschuldigen, eine frauenfeindliche Atmosphäre geschaffen zu haben, in der „Demütigung an der Tagesordnung ist“

Tanzkritiker der früheren Ballet Review

Demütigung ist das tägliche Brot im und um den Proberaum von Troubleyn. Vor allem die Körper der Tänzerinnen sind das Ziel schmerzhafter, oft unverblümt sexistischer Kritik“.

Jan Fabre

Jan Fabre

Lieven Herreman

Sie behaupten zudem, dass Fabre seine Position als Regisseur missbraucht habe, um sexuelle Gefälligkeiten von seinen Tänzerinnen zu erhalten („no sex no solo“). Seit der Veröffentlichung dieses Briefes haben Theater geplante Aufführungen von Fabres Werken abgesagt und Institutionen wie das Kunstzentrum DeSingel in Antwerpen seine Skulpturen abgehängt. Gegen Jan Fabre persönlich läuft eine strafrechtliche Untersuchung, deren Anhörungen für den 25. März und den 1. April 2022 angesetzt.

Laut Presseberichten könnten sie eine Strafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis nach sich ziehen. Unabhängig davon, ob diese Untersuchungen Beweise für ein nach dem belgischen Strafgesetzbuch strafbares Verhalten zutage fördern, ist es schwer vorstellbar, dass Fabre ein Comeback auf den europäischen Bühnen feiern wird. Krieg und Lüsternheit, so scheint es, sind endgültig aus der Mode gekommen.

Oder nicht?

Die Geschichte bringt immer wieder Figuren hervor, die bereit sind, diese Tradition fortzusetzen. Die meisten von uns finden, wie Thersites in Shakespeares „Troilus und Cressida“, ein solches Verhalten bedauerlich: „Unzucht, Unzucht; lauter Krieg und Liederlichkeit; die bleiben immer in der Mode.“ Wir glauben, dass dieses Verhalten unausrottbar bleibt, und bedauern es gerne. Denn die leidenschaftlichen Verbrechen von Politikern und Filmstars bringen dank ihres Unterhaltungswerts auch den Medien ungeheure Einnahmen. Das Leben wäre sonst wohl zu mager. Auch wenn alle wissen: Die Annehmlichkeiten des Reichtums lassen sich meist nur mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt erobern und kontrollieren. Wir brauchen Helden. Und Helden brauchen Gewalt. Helden sind auch nicht weniger anfällig für Lüsternheit als der Rest von uns – sind es eher noch mehr.

Troubleyn Laboratorium

Der mutmaßliche Tatort: Das Troubleyn/Laboratorium – ein von Kunstwerken erfülltes, liebevoll restauriertes ehemaliges Varieté-Theater in der Begijnenstraat mitten in Antwerpern. Die geräumige Hinterhof-Idylle lässt weit eher an ein nahezu nobles Laissez-faire im Umgang miteinander denken.

Solange Krieg und Lüsternheit unseren Alltag prägen, gibt es gute Gründe dafür, sie auf der Bühne darzustellen. Genau das hat Jan Fabres letztes Opus magnum, „Mount Olympus – To glorify the cult of tragedy (a 24-hour performance)“ getan. Die in dem offenen Brief beschriebene Atmosphäre bei den Proben in Troubleyn ist im Vergleich zu dem, was die Tänzerinnen und Tänzer in „Mount Olympus“ zur Uraufführung in Jahr 2015 vierundzwanzig Stunden lang auf die Bühne brachten, eher zahme Kost. Es geht dabei nicht um den Aufstieg und Fall eines Helden, sondern um die Tragödie selbst: Es geht um die Frage, warum wir Helden und Tragödien brauchen – oder sie brauchen wollen. Dass Fabre selbst nicht in der Lage war, den Verlockungen der Macht zu widerstehen oder das Schicksal zu umgehen, das alle tragischen Helden erwartet, fügt dem Zusammenspiel von Fakten und Fiktion, das im Mittelpunkt des Werkes steht, noch eine neue Ebene an Komplexität hinzu. „Mount Olympus“ wirft viel Licht auf die Anschuldigungen, die gegen ihn vorliegen. Und widerlegt sie nicht, sondern legt die Wunde in uns allen offen.

Fabre Mount Olympus by Dieter Hartwig

Kunst und Lüsternheit – Die Tragödie des Jan Fabre

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Krieg und Lüsternheit spielen auf der Weltbühne führende Rollen. Man sollte es nicht nur tolerieren, sondern begrüßen, dass Theatermacher diese Themen auch weiterhin komisch, tragisch oder kritisch abhandeln – ohne dass sie Gefahr laufen müssen, selbst als lüsterne Krieger zu erscheinen.

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