In Sibirien

Shaman
Jeden Sommer treffen sich die Schamanen auf der Insel Olkon im Baikalsee

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Ich bin fasziniert von Geistern. Schamanen in ganz Asien rufen Geister an. Aber wer kennt diese bedrohte Spezies noch? Dabei gehören Geister zur älteste Vision der Menschheit. Heute nennt man sie allenfalls Wiedergänger, die sich in der virtuellen Realität, in Comics, in der Malerei und auf der Bühne tummeln. Dort verkörpern sie den Wunsch, mit dem Jenseits in Kontakt treten zu können.

Choy Ka Fai

In ganz Asien beschwören Schamanen noch immer Geister. Die ersten Geister erlebte ich in Japan, als ich den Gipfel des Osore-zan bestieg, eines erloschenen Vulkans mit einem stattlichem Kratersee im Norden, gleich hinter dem Endlager für Brennstäbe aus Fukushima. Hier oben am Seeufer deuteten kleine, bunte Plastikwindräder auf einen buddhistischen Tempel hin, Bodai-ji, errichtet am Eingang zur Unterwelt. Schamaninnen, Itako genannt, treten im Schutz dieses Tempels mit Verstorbenen in Kontakt. Es sind meist blinde Frauen, die nach strengen asketischen Praktiken angeblich mit den Geistern der Toten kommunizieren können. Für 4000 Yen, etwa 30 Euro, leihen sie ihre Stimme den Toten. Ich bezahlte und fragte nach Tatsumi Hijikata, dem Gründer des japanischen Butoh-Tanzes. Der 1986 verstorbene Meister antwortet durch den Mund einer Itako, die nichts weiß von diesem legendären Tanzschöpfer: „Ich bin bekümmert, seitdem mein Körper keine Rolle mehr spielt“. Und schweigt. Die Dame im traditionellen Kimono hockt auf einer Tatami-Matte, klopft auf ihre lange, schwarze Perlenkette, um für besseren Empfang aus der Unterwelt zu sorgen.

„Hijikata-san, würden Sie mit mir zusammenarbeiten? Würden Sie ein Stück mit mir machen wollen?“, frage ich. Die Itako beugt ihren Körper ein paar Mal vor und zurück: „Nun, ich glaube, ja. Ich denke, ab und zu könnte ich ein paar Inspirationen beitragen.“ Der Geist Hijikatas ist mir zugeneigt. Ich frage weiter: „Sie haben Ihren Tanz Ankoku Butoh genannt, Tanz der Dunkelheit. Warum Dunkelheit?“ Die Schamanin übermittelt die Antwort sichtlich gern: „Dunkelheit ist die Hölle, die Dunkelheit ist düster und wird missachtet. Deshalb sucht der Heilige vollkommene Dunkelheit. Darum habe ich den Tanz Ankoku genannt.“

Choy Ka Fai

Seine tatsächlichen Ursprünge hat der Schamanismus in Südsibirien, dem weiten Land nördlich der Mongolei. Im Winter ist es besonders kalt, im Sommer richtig heiß. Vor allem zwei Provinzen rühmen sich, diese animistische Religion hervorgebracht zu haben: die autonome Republik Tuva rings um die Stadt Kyzyl und daran angrenzend die autonome Republik Burjatien am Baikalsee. Schamanen stellt man sich gern tanzend in zotteligen Kostümen vor, als auserwählte Angehörige der Volksgruppen von Chakassen, Burjaten und Turwinern, die in den Ausläufern des mongolischen Hochlands leben – zusammen mit einer Pflanze, die hier besonders gut gedeiht: der Steppenraute.

Sie enthält den Wirkstoff Harmin, von dem seit den schriftstellerischen Großtaten der 1960er Jahre, von Mircea Eliade bis Carlos Castaneda, die ganze Welt überzeugt ist, dass natürliche Drogen und federgeschmückte Schamanentänze in unberührter Natur zu festen Bestandteilen dieser legendären Urreligion gehören.

Von Sibirien aus verbreitete sich der Schamanismus erst nach China und Korea, bald auch über die Aleuten in den amerikanischen Raum und nach Süden bis zu den Aborigines in Australien. Sein Alter und sein Geisterglaube machen ihn heute so attraktiv auch für Sinnsuchende in den Metropolen, so, wie vor Jahrzehnten die Yogis oder der Bhagwan-Kult en vogue gewesen waren.

Dabei geht es im Grunde um eine Ahnenverehrung. Schamanismus hilft ethnischen Minderheiten, ihre Identität bewahren. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung in Sibirien ist indigener Abstammung. Ihre schwach besiedelten Gebiete wurden schon seit 1580 und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von Russen kolonialisiert – in einer Zeit, als andere Europäer mit ihren Eroberungen in Übersee beschäftigt waren.

Nicht unklug beruft sich der Schamanismus darauf, „zaubern“ zu können. Über Jahrhunderte erfahrene Unterdrückung und Ungerechtigkeit führen zu dem gern gehegten Wunsch: übernatürliche Rache nehmen zu können, wenn Menschen vor übermächtigen Problemen stehen. Denn wer einen Schamanen braucht, hat ein Problem. Er stiftet einen „Gegenzauber“. Als „übernatürliche Mörder“ stellen Schamanen mittels Flüchen ein Gefühl von Gerechtigkeit oder Wiedergutmachung her. Dazu benötigen sie – im Volksglauben – Einfluss auf die Mächte im Jenseits. Geschickt formulierte Orakel, scheinbar übermittelt von den Geistern der Ahnen und Götter, dienen einer oft gut inszenierten Konfliktlösung.

Choy Ka Fai

Weithin sichtbar wird die Macht der Schamanen durch den Tanz. Es ist ein ekstatisches Aus-sich-Heraustreten als Verbindung zur übernatürlichen Autorität der Geister oder Vorfahren, eine heilige Handlung, die im Erreichen der Ekstase gern einen Kontakt zu den Göttern beweist. Dass dies gewisse Ähnlichkeiten hat etwa zum ebenso ekstatischen Yoruba-Tanz des Candomblé in Benin und Brasilien, zeigt nur, wie sehr der Schamanismus eine trance-orientierte Ur-Religion ist, dessen Anfänge man sogar bis in die Völkerwanderung aus Afrika zurück datieren könnte.

Aber weit wichtiger als das, was wir über Schamanismus wissen oder aus ihm schöpfen möchten, ist das, was die Schamanen selber denken. Deshalb bin ich nach Sibirien gereist und habe diese erstaunliche Geschichte mitgebracht.

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