Erste neue Schritte

Probe zum Stück "Suknia" in der Vlada Yamy Tanzschule in Odesa

Caroline Gutman

In Odessa an der Schwarzmeerküste entstehen Schlag auf Schlag immer neue Choreografien. Tanz bedeutet: Freies Leben in einem freien Land.

Anna Nemtsova
Anna Nemtsova

Das Leben in der Ukraine in diesem Sommer ist voller Gegensätze. Gestern die fröhlich-ausgelassene Stimmung auf einer Wohltätigkeitsparty in Odessa. Champagner fließt, um Spenden für ukrainische Soldaten an der Front zu sammeln. Heute wird Kiew überzogen von Raketen- und Drohnen. Mit Sprengstoff beladene Flugkörper stürzen auf die Häuser der Stadt, dichter schwarzer Rauch hängt schwer in der Luft. Trümmer. Sirenen. Sprachloses Leid. Zerstörung.

Meine Co-Autorin, die Fotografin Caroline Gutman, ist aus Washington, D.C. angereist, um über das Leben in Odessa zu berichten. Wenn sie die Kamera hebt, konzentriert sie sich auf Themen wie Gemeinschaft und soziale Gerechtigkeit. Sie konzentriert sich auf den Frieden, ihre Bilder werben um Verständnis. Diese unsere Arbeit wurde unterstützt von der International Women’s Media Foundation im Rahmen der Initiative „Women on the Ground: Reporting from Ukraine’s Unseen Frontlines” in Zusammenarbeit mit der Howard G. Buffett Foundation.

Das Bristol Hotel in Odessa. Die Fassade ist nach einem russischen Raktenangriff im Januar 2025 noch erhalten

Caroline Gutman

Am 27. Juni war es warm und sonnig in Odessa. 6.000 Menschen tanzten auf einer riesigen Party im Nachtclub Ibitza. DJs sammelten Geld für die Luftabwehr. Die russische Sommeroffensive ist in vollem Gange. Die eine Ukraine kämpft, die andere genießt jeden Moment des Lebens. Das Beste: Diese beiden unterschiedlichen Ukraines hassen sich nicht: Die Künstler sammeln Geld für die Front. Die Soldaten sagen, sie kämpfen, damit die Ukrainer ihr Leben genießen können.

Der Choreograf Vitaly Kuznetsov und der Tänzer Denis Rudoi arbeiten am Akademietheater der Musikalischen Komödie in Odessa. Allein in diesem Jahr hat Vitaly sechs Shows auf die Beine gestellt, darunter „The Charmed Bocaccio” und „The Bueno Sires”. Und „Suknia”, die Show, die wir begleitet und fotografiert haben. In der Ukraine spielen Theater eine so große Rolle, dass Tanzprofis und andere Kunstschaffende vom Militärdienst befreit werden können.

Vitaly Kuznetsov posiert in der Vlada Yamy Tanzschule in Odessa am 23. Februar 2025

Caroline Gutman

Dennoch „sind einige der Tänzer an der Front, zwei wurden bereits verwundet“, sagt Vitaly. Denis ist nicht nur ein großartiger Tänzer. Er ist auch Produzent. Zwei Tanzabende hat er soeben organisiert: „Chess“, ein dramatisch getanztes Schachspiel, und „Cocoon“ aus der Welt der Insekten. Die Hauptfigur wird von den Würmern, Käfern und Mücken seiner Gemeinschaft abgelehnt. Sie sperren sie in einen Kokon, und sie wird als großer, bunter Schmetterling wiedergeboren. Anderswo könnte man diese Geschichte nur Kindern erzählen. In der Ukraine aber hat sie eine andere Bedeutung: die einer Häutung, einer Wiedergeburt dieses Landes aus imperialen russischen und sowjetischen Traditionen.

Kultur wird in diesem Land dringend gebraucht. Mit Bienenfleiß produziert, wollen Kunstschaffende sie schützen vor Propaganda und fremdem Einfluss, sie als authentische Suche nach einem freien Leben in einem freien Land begreifen. Genau das schafft die enge Verbindung zwischen Kunst und ihrem Publikum. Anders als im Westen würde in der Ukraine niemand auf die Idee kommen, den Sinn von Kunst in Frage zu stellen. Im Gegenteil. Genau davon berichtet unsere Reportage.

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Tanz den Sarkasmus

3,42

Champagner am Schwarzen Meer. Drohnen über Kiew. Das ist kein Kontrast, sondern Realität in einem Land, das sich vom russischen Imperium zu befreien versucht. Zuerst ging das russische Ballett von Bord. Heute verkörpert die Tanzkunst – im Westen maßlos unterschätzt – den aufrechten Gang der Ukraine.

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