Baile Charme

Schritte spiegeln - es sieht so einfach und lässig aus, ist es aber nicht.

Pedro Martins Valle Costa

Der Baile Charme gehört zum Schönsten und Beeindruckendsten, was das an subkulturellen Attraktionen so reiche und unerschöpflich kreative Rio zu bieten hat: Eine Liebeserklärung

Dieter Jaenicke
Dieter Jaenike hat viele Jahre in Brasilien gelebt und gearbeitet, war seit den 1990er Jahren Kurator großer Tanzfestivals in Brasilien, Direktor des Fórum Cultural Mundial, São Paulo & Rio de Janeiro 2003-2008, Intendant des Europäisches Zentrums der Künste Hellerau Dresden 2009-2018, Künstlerischer Direktor der Internationalen Tanzmesse NRW Düsseldorf 2017-2020, ist aktuell freischaffender Kurator, Gast-Professor für Performing Arts in Nanjing/China und Mitglied im Editorial Board des Journal Contemporary Dance Research der Perfoming Arts Academy Shanghai
Pedro Martins Valle Costa

Seit den späten 1980er Jahren gibt es schon das Viaduto Madureira, ein selbstverwaltetes Kulturzentrum unter einer Autobahn an der Peripherie von Rio de Janeiro. Hier wogt er seit mehr als vierzig Jahren jedes Wochenende unter Betonstelzen: der Baile Charme.  Entstanden ist er aus dem anti-rassistischen schwarzen Widerstand gegen die Militärdiktatur in Brasilien. Getragen wird der Baile Charme von der globalen schwarzen Musik, Soul, Funk, R&B, Afropop, Highlife, Rap und Hiphop. Es ist der Ort, an dem Rio am schönsten und am lebendigsten ist und Touristen fast niemals hinfinden: zu dieser tanzenden Community vor allem aus der Zona Norte, dem Rand von Rio, den Favelas. Hier treffen Menschen aller Generationen aufeinander, in allen Hautfarben – vornehmlich Schwarze – mit allen sexuellen Vorlieben und sonstigen Präferenzen. Nie sieht man Paare tanzen, auch nicht Einzelne, sondern stets eine Community als Ganze, die sich spontan aufeinander abstimmt. Das ist keine sozio-kulturelle oder pädagogisch vermittelte Aktion. Weit mehr entsteht der Baile Charme immer wieder neu aus dem tiefen Bedürfnis nach einer in gemeinsamer Bewegung und Ausdruck sich verbindenden kulturellen Identität.

Es gibt choreografische Elemente, passinhos (Schritte), die man lernen muss, und die sich ständig verändern, so, als wären sie die Sensoren der jeweiligen politischen Großwetterlage. Niemand gibt Kommandos, niemand führt oder leitet. Die Tanzenden wirken als ein gewaltiger wogender Körper. Viele von ihnen kommen schon seit Jahren, manche bereits seit Jahrzehnten fast jedes Wochenende zum Baile Charme unter dem Viaduto Madureira. Es ist ihre Kultur, ihr Tanz, manche sagen: Es ist ihr Leben, das Pedro Martins hier abbildet und dem ich mich – auch schon seit Jahren – immer weiter anzunähern versuche.

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Unter der Autobahnbrücke

3,43

Der Baile Charme: Das ist eine sanft fließende Verbindung choreografischer Figuren, gepaart mit lässiger Spontanität. Es geht um Individualität, um den Freiraum, der stark macht und der sich jede Samstagnacht absetzt vom Alltag aus Armut und Chancenlosigkeit, Rassismus-Erfahrung und Gewalt.

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