Aus den Augen, aus dem Sinn – die schwindende Hongkonger Tanzszene

Ansicht der Installtion von Jevan Chowdhoury in der Metro-Station Wan Chai

Jevan Chowdhury

Hongkong ist ein gezähmter Moloch – so scheint es. Unter der Oberfläche sucht die Kunst nach neuen Wegen, gerade im Tanz. Tanz braucht den Körper, immer öfter aber findet er einen Avatar seiner selbst. Das Digitale ist nur ein Werkzeug unter vielen, um dem Körper zu seinem Recht zu verhelfen, wenn er, in Hongkong, im Lockdown verharren muss

Ich schlendere durch die Stadt und halte Ausschau nach dem Tanz in Hongkong, der seit 2020 in die Enge getrieben wurde und doch immer noch seinem Weg nach vorn sucht.

Für viele Hongkonger waren die Jahre 2020 und 2021 nur schwer zu begreifen. Wie wir diese Zeit überstanden haben, ist uns noch immer ein ziemliches Rätsel. Wie alle Mitmenschen in vielen Ländern wurden auch wir von Pandemiewellen heimgesucht und durch Beschränkungsmaßnahmen gegängelt, die uns wirtschaftlich und emotional in eine mehr als prekäre Lage brachten.

Straßenansicht von Wan Chai. Überall Tanzende, sogar auf den Sonnenmarkisen

Wir hatten in gewisser Weise Glück, da es nicht zu einer vollständigen Abriegelung kam. Nur durften wir, im Gegensatz zu anderen Ländern, die Maßnahmen nicht in Frage stellen, da dies als eine Bedrohung der „nationalen“ Sicherheit angesehen wurde. Die Hongkonger schienen so einflussreich, dass die Beschwerde eines Durchschnittsbürgers über die Einschnitte in seine Freiheit genügt hätte, die Sicherheit eines der mächtigsten Länder der Welt zu gefährden.

Zum Zeitpunkt, da ich diesen Bericht schreibe, wird Hongkong von einer neuen Pandemiewelle heimgesucht. Täglich werden zwischen 10.000 und 20.000 Fälle in einer Stadt mit 7,5 Millionen Einwohnern gemeldet. Immer strengere Maßnahmen zur sozialen Distanzierung werden verhängt. Aufführungsorte aller Größenordnungen, Sportzentren und Tanzstudios sollen mindestens für die nächsten zwei bis drei Monate geschlossen werden. Auch der Schulbetrieb ist eingestellt. Einige Tanzschaffende äußerten, dass ihre Einnahmen gegen Null gehen, da ein Projekt nach dem anderen abgesagt wird. Es liegt, wieder einmal, Unruhe in der Luft.

Und doch: Ein Gefühl von Normalität, einer realen oder provisorischen, wird um jeden Preis angestrebt. In den Köpfen vieler Hongkonger kostet es nicht viel, dabei auf den Tanz zu verzichten.

Auf 220 Metern Länge prägt das Hong Kong Ballet in der Metro das Bild der Stadt

Schweigen

Denn was macht der Tanz in dieser düsteren Stadt? Er macht es nur schlimmer. Am 19. November 2020 besuchte eine Covid-19-positive Person ein Tanzlokal im Stadtteil Wan Chai und löste damit eine Infektionskette von über 300 Fällen aus, die sich unter den Tanzenden von Tanzlokal zu Tanzlokal verbreitete. Diese Gruppe wurde von medizinischen Experten als „Tanzcluster“ bezeichnet. Sie galten in der breiten Öffentlichkeit als Auslöser einer schweren Infektionswelle, die bis ins erste Quartal 2021 andauerte. In einem Zeitungsbericht der South China Morning Post hieß es: „Ein wachsendes Cluster von 311 Fällen, die mit Tanzlokalen in Verbindung stehen, treibt die vierte Covid-19-Welle in Hongkong weiter voran.“

Tanzlokale in Hongkong sind Quasi-Restaurants, die man besucht, um mit Menschen zu tanzen, die man kennt oder nicht kennt. Einige freiberufliche Tanzlehrer:innen bieten hier Einzelunterricht oder Tanzkurse gegen eine Gebühr an. Diese Tanzsäle befinden sich in Geschäfts- und Wohnvierteln, aber auch im Verborgenen. Frauen, die bei solchen Veranstaltungen beeindrucken wollen, zahlen viel Geld für professionelle Tanzpartner, von denen einige sogar mit einem Schnellboot vom Kontinent angereist kommen. Man kann sich des Spotts nicht erwehren. Tanzen ist ein Skandal, was den mangelnden Respekt bezeugt, den die Stadt ihm entgegenbringt, und die nun zu gern mit dem Finger auf ihn zeigt, um dem eigenen Ärger Luft zu machen.

Tänzerinnen im klassischen Outfit vor ihrem Kameraauftritt

Das Schweigen des Tanzes vertieft sich noch, seit das Nationale Sicherheitsgesetz (NSL) am 1. Juli 2020 in Kraft getreten war und der kurz darauf erfolgten Verhaftung einer Gruppe von Personen, von denen einige bereits zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt waren. Nun durchlaufen sie schmerzhafte weitere Prozesse.

Autoritäre Herrschaft ist in der Geschichte Hongkongs nichts Neues. Das gilt auch für die Kunstzensur. Die Menschen haben jedoch mindestens scheinbare Meinungsfreiheit genossen. Von heute auf morgen kann einem eine bloße Meinung Kopf und Kragen kosten. Für diejenigen, die nicht über die Fähigkeit verfügen, diese mitunter unsichtbare rote Linie zu erkennen und zu überwinden, ist Schweigen der direkteste und sicherste Weg.

Was folgt für die Tanzschaffenden aus dem Sicherheitsgesetz? Die Antwort ist unklar. Es geht ja nur darum, rote Linien nicht zu übertreten. Von außen aber werden sie nur sichtbar in einer verschärften Regulierungskultur, sowie gesetzlichen und institutionellen Auflagen. Von innen betrachtet aber wirken sie wie von Individuen selbst auferlegte Beschränkungen. Man nennt es auch: Angst. Das NSL steht über dem Hongkonger Grundgesetz. Es wurde auf dem Nationalen Volkskongress in Peking erarbeitet, dessen Leitprinzipien in Hongkong bislang unbekannt waren. Die Vollstrecker sind frei von der Hongkonger Gesetzgebung. Das künstlerische Schaffen und seine Voraussetzung, die freie Meinungsäußerung, ist somit nicht länger ein Menschenrecht, das sich über diese von Menschenhand geschaffene Gesetzgebung hinwegsetzen könnte, sondern eine Ausnahme, die nur dann gewährt wird, wenn sie den Anforderungen eines übergreifenden doktrinären Umfelds entspricht.

… und Action. Aber alle Blicke gehen in die entgegengesetzte Richtung

Die Peking-freundlichen Kräfte haben den Druck auf die Kunstförderungseinrichtung und das wichtigste Museum in Hongkong nun erhöht, die angeblich „regierungsfeindliche“ Werke sponsern oder ausstellen. Allein die Drohung, befürchten Kritiker, könnte die künstlerischen Freiheiten einschränken. Diese Kampagne hat den Arts Development Council auch dazu gezwungen zu erklären, dass er Zuschüsse für Künstler aussetzen könnte, die sich weiter für die Unabhängigkeit einsetzen., so die South China Morning Post am 21. März 2021.

Hat sich der Tanz in Hongkong als Reaktion auf die durch den NSL hervorgerufene Angst verändert? Noch lässt sich das nicht mit Sicherheit sagen, da die Situation zusammenfällt mit Maßnahmen zur sozialen Distanzierung der Pandemie. Seit 2020 entstanden deutlich weniger neue Tanzwerke, als in allen Jahren zuvor. Aber man kann schon jetzt erkennen, dass neue Werke ihren Fokus auf das kulturelle Produkt an solches richten. Immer öfter werden formale Aspekte der Ästhetik zum Thema. Deutlich häufiger als früher gibt es abstrakte Manifestationen. Immer weniger Werke beziehen sich auf eine außerkulturelle Realität. Aber genau lässt sich das nicht beurteilen. Sicher ist nur: Manche Tanzschaffende haben Hongkong für immer verlassen. Und weitere werden folgen.

Der Green Screen macht Tänzer:innen zu Passanten

Die Tänzerin als Brotverdienerin

Für diejenigen, die die Hongkonger Tanzszene noch nicht kennen, hier ein Überblick über ihre Struktur: Tanzkompanien wurden vor etwa vierzig Jahren offiziell ins Leben gerufen, um der damaligen Kolonialregierung die Möglichkeit zu geben, die Kunstentwicklung zu formalisieren. Drei „offizielle“ Tanzkompanien, das Hong Kong Ballet, die Hong Kong Dance Company und die City Contemporary Dance Company (CCDC), wurden um das Jahr 1980 herum gegründet. Ihr Betrieb wurde und wird auch heute noch von der Regierung unterstützt. Dieses „Dreibein“ der Hongkonger Tanzszene steht auf dem klassischen Ballett, dem traditionellen chinesischen Tanz und auf der Tanzmoderne. Als vierte Säule kam 1984 die einzige Tanzakademie auf Hochschulniveau hinzu, die Hong Kong Academy for Performing Arts. Diese Vier bilden schon seit vier Jahrzehnten die sichtbarste Plattformen des Tanzes.

Unterstützt durch zeitlich begrenzte oder projektbezogene Stipendien gibt es auch fünf kleinere Tanzkompanien und vereinzelt freie Choreografen. Die professionell ausgebildeten Studenten beschäftigen sich vor allem mit zeitgenössischem Tanz, die meisten choreografieren. Andere streben eine Karriere als Kompanie-Tänzer an oder werden Tanzlehrer. Gesellschaftstanz, ethnischer Tanz und Sporttanz werden im Allgemeinen nicht als künstlerische Tätigkeiten angesehen. Streetdance, Hip-Hop und andere populäre Tänze leben von kommerziellen Engagements.

Aber: Nie gab es so viele Schließungen von Theatern wie heute, nicht einmal während der sozialen Unruhen im Jahr 2019. Sie alle sind durchweg „richtige“, technisch hochmoderne Aufführungsorte dieser Stadt. Und alle, bis auf wenige Ausnahmen, sind in staatlicher Hand. Als Anfang 2020 die als „Vergnügungsstätten“ eingestuften Theater per Regierungsdekret abrupt geschlossen wurden, reagierten viele entsetzt. Die Beamten, die für Kunstangelegenheiten zuständig sind, waren ebenso ratlos wie die Nutzer der Spielstätten. Bald wurde auch der Tanzunterricht in Schulen und privaten Studios eingestellt. Tanzschaffende hatten gehofft, dass es sich nur um eine vorübergehende Maßnahme handelte, nur um festzustellen, dass ihre Existenzgrundlage nun ernsthaft beeinträchtigt werden würde. Erschwerend kam hinzu, dass das örtliche Arbeitsrecht eine veraltete und eng gefasste Klassifizierung des Begriffs „Kunstschaffende“ enthält. Für Freiberufler kann es sehr schwierig sein, ihre Tätigkeit als „Arbeit“ zu definieren, sobald es um die Beantragung einer Arbeitslosenunterstützung geht.

Der Arbeiter sah mitnichten das, was wir sehen

Tanz als Nostalgie

Als sich die Covid-Situation in der zweiten Jahreshälfte 2021 stabilisierte, wurden die Theater nach und nach wieder geöffnet. Die Zuschauerkapazität blieb zunächst, wie anderswo auch, auf fünfzig Prozent begrenzt und wurde später auf 75 Prozent erhöht. Um die geringe Kapazität auszugleichen, wurden die Kartenpreise erhöht. Die günstigsten Karten für eine durchschnittliche Vorstellung stiegen von etwa 15 Euro vor der Pandemie auf nun rund 25 Euro. Natürlich hat das Auswirkungen auf die Bereitschaft, ins Theater zu gehen, vor allem, wenn die wirtschaftliche Lage sich noch lange nicht erholt hat.

Nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs wurden in kurzer Zeit zahlreiche Tanzvorstellungen präsentiert, um den Rückstand aus dem Vorjahr aufzuarbeiten. Zwei davon, „Nine Songs“, ein dreißig Jahre altes Werk der bekannten Choreografin Helen Lai, das von der Hong Kong Dance Company neu inszeniert wurde, und „Luck-quacka“, eine Adaption des Ballettklassikers Nussknacker, die von der City Contemporary Dance Company (CCDC) präsentiert wurde, standen ganz oben in der Gunst des ausgedünnten Premierenpublikums. Beide Stücke lösten vor allem sentimentale Reaktionen aus und sollten es auch. Eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern, heute 40, 50 Jahre alt, erinnerte sich an Zeiten, in denen sie bei früheren Aufführungen von „Nine Songs“ mitwirkten. Hongkongs Erbe liegt in dieser Vergangenheit. In „Luck-quacka“ versucht der Onkel Drosselmeyer, ein alter Mann aus dem legendären „Nussknacker“, den Prinzen wieder zum Leben zu erwecken. Wenn der junge Mann die aufgehende Sonne und der alte Mann die untergehende Sonne ist, hieß das zweifellos: Hongkong wird als eine Stadt in der Abenddämmerung empfunden. Die Insel und das Publikum, sie erinnern sich der besseren Zeiten Hongkongs und zahlen gern für ihr Objekt der Nostalgie.

Am stärksten spürbar ist diese Nostalgie in der zeitgenössischen Tanzszene. Das CCDC Dance Centre, die Wiege mehrerer Generationen von Tänzer:innen, schloss im Oktober 2021 seine Türen – für immer. Vier Jahrzehnte lang war das Zentrum in einem siebenstöckigen Gebäude im Stadtteil Wong Tai Sin im Osten von Kowloon untergebracht. Das Gebäude gehört der Familie des Gründers der CCDC, Willy Tsao. Er beschloss im Jahr zuvor, die CCDC zu verlassen. Das Gebäude ging daraufhin an die Familie zurück, um es neu zu entwickeln. Das Theater war nicht nur das Zuhause der CCDC, es war zugleich das Herzstück der Tanzgemeinschaft in Hongkong: Es war eine Quelle kostengünstiger Probestudios für unabhängige Tanzschaffende, es beherbergte ein kleines Theater, das aufstrebenden Choreografen Unterstützung anbot. Und es gab Wohnraum für einheimische und ausländische Tanzkünstler. Es gab Trainingsstunden zu relativ geringen Gebühren, die es Tausenden von Tanzenden ermöglichte, an sich selbst zu arbeiten. Es war also im wahrsten Sinne des Wortes das Zentrum des Hongkonger Tanzes. Das CCDC Dance Centre ist mittlerweile in einen sehr viel kleineren Raum in den Stadtteil New Territories umgezogen und pandemiebedingt geschlossen. Seine Verbindung zu den Tanzschaffenden und -liebhabern in Hongkong ist unterbrochen. Ob diese Verbindung wiederhergestellt werden kann, muss sich erst noch herausstellen.

Auch Spiegelungen helfen, den Tänzer wie eine Erscheinung darzustellen

Nun, die Regierung hat nicht nichts getan. Sie hat ein Bargeldunterstützungsprogramm für Arbeitnehmer in ausgewählten Branchen aufgelegt, die von den Einschränkungen besonders stark betroffen sind. Kunst und Kultur gehören dazu. Das Geld wurde über den Hong Kong Arts Development Council (ADC) verteilt. Es stellte sich nur die Frage: Wer sind Kunstschaffende? Wer ist Künstler:in? Um diese Frage zu beantworten, mussten sich die Betroffenen von gesellschaftlich anerkannten Institutionen identifiziert werden. Um förderfähig zu sein, musste die Künstlerschaft nachweisen, dass sie etwa mit Bildungseinrichtungen, Tanzschulen, mit von der Regierung finanzierten Produktionen oder mit anerkannten Gruppen für darstellende Kunst assoziiert sind. Diejenigen, die zum Zeitpunkt der Antragstellung keiner der genannten Einrichtungen angehörten, gingen leer aus. Sie leben nun von ihren Ersparnissen, arbeiten als Wachleute, Zusteller oder nehmen andere Gelegenheitsjobs wahr. Und warten sehnsüchtig auf die Aufhebung des de facto Berufsverbots.

Im Rahmen des Unterstützungsprogramms wurden 80.000 HK$ (rund 9.000 Euro) an Organisationen (unabhängig von ihrer Größe) vergeben, sofern sie auch sonst Geldempfänger des Hong Kong Arts Development Council waren. Für Einzelpersonen lag die Obergrenze bei 7.500 HK$ (rund 850 Euro). So willkürlich die Zuteilung erfolgte, waren die Menschen angeschlagen genug, froh zu sein, überhaupt irgendetwas zu erhalten – in einer der teuersten Städte der Welt. Später, in den Jahren 2020 und 2021, gab es eine zweite und dritte Runde der Unterstützung, die nach denselben Kriterien vergeben wurde. Nur waren die Summen diesmal noch geringer. Diejenigen, die zum Zeitpunkt der Antragstellung keine laufenden Verträge mit einem Theater hatten, erhielten auch weiterhin nichts.
Auch wenn ich darauf vertrauen möchte, dass dies kein Auswahlverfahren gewesen sein sollte, stellt sich doch unweigerlich die Frage, wer es sich leisten kann, nach der Pandemie noch im Tanzbereich zu bleiben, und wie sich dies auf die ästhetische Vielfalt und die Bereitschaft zum Experiment auswirken wird?

Montage einer Tanzszene in der U-Bahnstation, in der das Bild nun hängt

Tanz auf dem Bildschirm

Theater im Live-Stream gab es in Hongkong vor 2020 so gut wie gar nicht. Die Wege zu den Theatern sind kurz, die Zahl der Zuschauer eher begrenzt. Als es nicht länger möglich war, physisch in den Theatern präsent zu sein, reagierten die größeren Kompanien als erste, denn Tanzkompanien, die von der öffentlichen Hand unterstützt werden, mussten ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen und ein gewisses Maß an Präsenz in der Öffentlichkeit aufrechterhalten: nun eben auf dem Bildschirm. Sie begannen mit der Online-Veröffentlichung aufgezeichneter Aufführungen, dann mit Live-Übertragungen. Gleichwohl sahen sie sich mit dem Dilemma konfrontiert, dass sie mit ihren Produktionen Geld verloren, weil das Publikum noch nicht bereit war, für einen Live-Stream oder einen aufgezeichneten Tanz zu bezahlen. Einige nutzten andere Potenziale des Digitalen. Sie starteten virtuelle Residenzen, Online-Kurse und offene Proben vor Kameras.

Es ist die Zeit auch des Revivals des Tanzvideos. In Hongkong besitzt fast neunzig Prozent der Bevölkerung im Alter von über zehn Jahren ein Smartphone. Das Erstellen und Anschauen von Videos auf diesem Gerät ist vielen vertraut, zugänglich und technisch einfach. Dazu wird das „Jumping Frames International Dance Video Festival“ schon seit 2004 von der City Contemporary Dance Company veranstaltet. Nur die besseren Anwendungen für virtuelle Tanzexperimente, z. B. Augmented Reality oder Motion Capture, bleiben für die meisten Tanzschaffenden auch weiterhin unerschwinglich.

Exakt ausgeleuchtetes Kneipen-Viertel – in Wahrheit ist niemand im Bild

Der Hong Kong Arts Development Council rief 2020 „Arts Go Digital“ ins Leben, ein Förderprogramm zur Unterstützung von Einzelpersonen und Organisationen, die jeweils einen Zuschuss zwischen 300.000 HK$ und 500.000 $ (ca. 35 000 bis 58 000 Euro) für die Schaffung digitaler Kunstwerke erhielten. Dieses Programm wurde eher aus gutem Willen zur Unterstützung von Kunstschaffenden als zur Förderung der digitalen Kunst ins Leben gerufen. Denn ein Kriterium für die Antragstellung bestand darin, den Zuschuss auf möglichst viele Projektmitarbeiter zu verteilen. In jeder Hinsicht typisch für Hongkong ist, dass ein schnelles Ergebnis erwartet wurde: bis zum 30. Juni 2021. Das bedeutete, die Stipendiat:innen sollten innerhalb von neun bis zwölf Monaten neue digitale Kunstwerke produzieren. Einzelpersonen und Kollektive wurden ausgezeichnet, 68 an der Zahl, nur vier von ihnen stammen aus dem Tanz.

Ein Beispiel: „Since Our Last Goodbye (2): Reset“, choreografiert von Cyrus Hui @ Siu Lung Fung Dance Theater und Elaine Kwok, wurde bereits am 27. September 2020 aufgeführt und über dreizehn Facebook- und Instagram-Kanäle live übertragen. Die Smartphones wurden von entsprechend dreizehn Personen im Theater geführt, die sich zumeist nicht bewegten, während die Darsteller um sie herum tanzten. Die Kameras konnten nur Teile der Aufführung einfangen. Das Publikum war physisch abwesend und wechselte zu Hause frei die Kanäle, um sich ein sehr eigenes Bild von der Aufführung zu machen. Aufgrund der instabilen Netzverbindung und Effekten, die dem schwachem Licht geschuldet waren, war es eine eher verwirrende Erfahrung, die auch jeder Gewohnheit widersprach, im Theater den Inhalt einer Aufführung erfassen zu wollen. Es hält sich im virtuellen Raum unerschütterlich der Glaube, das sich das, was sich vor den eigenen Augen abspielt, irgendetwas mit der Realität zu tun haben musste.

Sylphiden – Geister in der Einkaufsstraße

Von Juli bis September 2021 wurde Zelia ZZ Tan, eine Tänzerin der City Contemporary Dance Company, vom Ulmer Roxy – TanzLabor als „distant digital dance maker“ eingeladen, um mit Augmented- Reality in einer Theaterumgebung tanzen. Ihre kürzlich im Hongkonger Dance Journal veröffentlichte Selbstreflexion gibt einen Einblick in die aktuelle Bedeutung dieser Technologie. Bei der Überprüfung der Bewegungen des Avatars, der mit den neunzehn Sensoren ihres Mocap-Anzugs konstruiert wurde, stellte sie fest, dass „dieser Avatar es mir ermöglicht, die Tänze meiner Fantasie in einem anderen Raum zu präsentieren und die Beschränkungen des physischen Körpers zu durchbrechen, indem ich meine Bewegungsbahnen in digitale Daten umwandle, ohne mich auf 2D-Bilder verlassen zu müssen … Um maximale Kontrolle über die Bewegungen meines Avatars zu haben und nicht viel Zeit mit der Datenbereinigung verbringen zu müssen, musste ich ein klares Verständnis davon haben, wie ich meinen Tanz aufführe, damit er digital präzise gerendert werden kann.“ Was mich an ihrer Beschreibung interessiert, ist ihr tänzerisches Bewusstsein gegenüber den „mechanischen Augen“, die ihren Körper als reine Datenquelle betrachten. Das unterscheidet sich von der Herstellung eines Tanzvideos. Der Körper wird von der Kamera nicht mehr dokumentiert, er wird beobachtet und in einen anderen Körper, einen Avatar, umgerechnet.

Im Falle eines mit neuer Technologie betriebenen Tanzes geht es längst nicht mehr um das Medium an sich, sondern um eine neuartige Fluidität zwischen denen, die beobachten und denen, die beobachtet werden. Aus der Rolle von einst entstehen mit binären Codes gezeichnete Avatare, die von alten, biologischen Augen „interpretiert“ werden.

Möge die Zukunft in unseren Händen liegen

In den zehn Jahren vor der Pandemie wurde ein Großteil der neuen Initiativen im Tanzbereich auf Wunsch der Regierung auch deshalb vorangetrieben, um Hongkong als kreative Stadt zu etablieren. Es stehen diverse Ressourcen für den internationalen Kulturaustausch zur Verfügung. Tanzschaffende wurden ermutigt, an Kunstmärkten in Übersee teilzunehmen, etwa an der „tanzmesse“ in Düsseldorf. Das Development Council organisierte Delegationen aus Hongkong, viele Tanzkünstler wurden zu internationalen Auftritten und Kooperationen eingeladen. Die Interaktion mit ihnen hat die Perspektive und die Möglichkeiten für lokale Künstlerinnen und Künstler erweitert. Für etliche Tänzerinnen und Tänzer waren die Auftritte im Ausland eine solide Einnahmequelle, da der lokale Markt einfach nicht groß genug ist, um hier allein von Auftritten leben zu können. Die Pandemie setzte auch dem ein Ende. Der Tanz in Hongkong scheint nicht mehr zu wissen, wohin er sich entwickeln soll.

Im finalen Arbeitsgang werden die Fotografien nahtlos miteinander verbunden

Die Haushaltsrede des Finanzministers Paul Chan vom 23. Februar 2022 für die Jahre 2022 und 2023 aber könnte ein Gefühl der Hoffnung vermitteln. Um Hongkongs Rolle als Ost-West-Zentrum für den internationalen Kunst- und Kulturaustausch zu festigen, werde der Finanzminister 42 Millionen HK-Dollar (fast 5 Mio Euro) für die Organisation des ersten Hong Kong Performing Arts Market innerhalb von zwei Jahren bereitstellen. „Der groß angelegte Kunstmarkt für die darstellende Kunstindustrie wird als integrierte Plattform für die Präsentation der Werke hochkarätiger Künstler und Kunstgruppen vom Festland, aus Hongkong und aus Übersee dienen.“ Chan sagte auch, dass er noch einmal 40 Millionen HK-Dollar (4,2 Mio Euro) bereitstellen werde, um neue technologische Anwendung zu fördern. Auch wenn Einzelheiten noch nicht bekannt sind und das NSL noch nicht in die Zukunft des Kunstschaffens eingreift, versprechen diese Summen zumindest neue Möglichkeiten.

Das Scheinwerferlicht scheint ganze drei Bilder zu beleuchten

Ich spreche mit Michael Li und Holmes Cheung. Li arbeitet seit etwa fünf Jahren hauptberuflich als Kurator, Cheung ist freiberuflicher Performer und Grafikdesigner. Ohne öffentliche Unterstützung betreiben sie einen kleinen Kunstraum, Tin Project genannt, in einem alten Wohngebäude im Zentrum von Kowloon. Der Raum ist für Proben, kleinere Präsentationen und Aufenthalte von Künstlern verschiedener Kunstformen gedacht. Aufgrund der Pandemie wurden die Projekte ausgesetzt, was unweigerlich zu einem erhöhten finanziellem Druck führte. Was treibt sie dazu, in einer Stadt, in der Raum ein Luxus ist, eine solche Last auf sich zu nehmen?

„Weil es Raum braucht, um die Autonomie gegenüber den Spielregeln der staatlichen Veranstaltungsorte zu wahren. Die übliche Art der Tanzpräsentation in Hongkong ist für Neulinge – diejenigen, die gerade die Akademie verlassen haben oder aus einer anderen Kunstdisziplin kommen – nicht gerade freundlich. Von ihnen wird sofort verlangt, ein komplettes Werk zu präsentieren“, auch wenn sie, wie die beide, keine institutionelle Tanzausbildung genossen haben. „Wir brauchen also einen Raum, sowohl physisch als auch von der Einstellung her, der den Wert des Prozesses anerkennt und Präsentationen von laufenden Arbeiten unterstützt“, sagen Li und Cheung: „Denn wir haben den Eindruck, dass diejenigen, die die Ressourcen zuweisen, eine Checkliste haben, was gut und schlecht ist. Aber wie ist diese Liste zustande gekommen? Können wir eine andere Liste vorschlagen?“

Unbestreitbar gab es in der Geschichte der Künste in jeder Epoche Männer und Frauen, die es wagten, der Tradition direkt in die Augen zu sehen und die Legitimität des Dogmatismus in Frage zu stellen. Einige werden als Avantgarde bezeichnet, andere als Ketzer. Natürlich, sagen Li und Cheung, begann der Wunsch, mit dem „Neuen“ zu experimentieren, nicht bei ihnen. Aber sie sind der Meinung, dass die Generation nach 2019 einen starken Drang hat, vielleicht mehr als ihre Vorgänger, ihre eigene Stimme zu finden, die Grenzen der Sparten zu verschieben und die geerbten Konventionen zu hinterfragen. Wenn die drei großen Tanzkompanien und die einzige Akademie die Definition und Ästhetik des Tanzes in Hongkong vierzig Jahre lang dominiert haben, ist es dann nicht Aufgabe dieser Generation, dieses anhaltende Monopol abzuschaffen?

Zehn Sylphiden im Breitwandformat

„Wir müssen zugeben, dass wir zu einer relativ kleinen Gruppe in unserer Generation gehören. Wir sind zum Beispiel nicht wirklich in der digitalen Tanzwelt zu Hause, zumindest noch nicht. Aber ich sehe, welche Bedeutung soziale Medien für uns haben. Nehmen wir Discord als Beispiel. In diesem Instant-Messenger gibt es Gemeinschaften für alle möglichen Interessen, und die Mitglieder sind miteinander sehr verbunden, jenseits von etablierten Hierarchien und ebenso emotional wie nachhaltig“, sagt Li.

Die Technologie bietet mehr und neue Möglichkeiten, auch geografische Entfernungen zu überwinden und neue Formen des Kontakts zu entwickeln. Aber das menschliche Verlangens verlangt nunmal nach körperlicher Verbundenheit. Gregory Feldman, ein zeitgenössischer Anthropologe, hob schon 2019 in „Liebe und Souveränität“ die Schönheit dieser Verbindung hervor: „… dass Menschen in all ihrer Pluralität normalerweise nicht in Isolation leben – sein – wollen, auch wenn sie gelegentlich Einsamkeit brauchen, und dass Menschen darum ringen, in der Zukunft etwas Neues zu werden. Aber Liebe ist auch eine räumliche Erfahrung, insofern sie Verbindungen zwischen Menschen in der Gegenwart schafft.“ Ich vertrete die Ansicht, dass es keine Kunstform gibt, zumindest noch nicht, die Körper, also Menschen, mehr verbindet als der Tanz. Diesen Tanz in der Stadt zu finden, heißt, an die tröstende Kraft des Berührens, an die Willenskraft des Miteinanders zu glauben und an das Lebendige, das das Soziale und das Geliebte ans Licht bringt. Menschen sind so. Auch in Hongkong.

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