Knallbunt

Eun-me Ahn

Sukmu Yun und Jiyang Kim, Grafikdesign: Kyungkyu Cho, Courtesy: Eun-Me Ahn Company

Eun-me Ahn aus Seoul, die Choreografin mit dem kahl geschorenen Schädel in ihren knallbunten Outfits ist Koreas choreografisches Aushängeschild. Ihre farbenprächtige Parallelwelt offenbart sich mit Wucht, kaum dass sie einem die Tür zu ihrem Probenstudio öffnet.

Thomas Hahn
Tanzjournalist in Paris und Seoul

Ein Orkan der Hochchromatik

Der Weg zu Eun-me Ahn ist allein den Eingeweihten vorbehalten. Ihr Studio in Seoul liegt bestens versteckt hinter einer Tankstelle, unweit des Han-Flusses. Rechter Hand die Zapfsäulen, links eine Häuserzeile in grauem Beton. Dahinter führen ein Paar Treppenstufen ins Untergeschoss.

Das Studio der Eun-me Ahn Company

Thomas Hahn

Wer die richtige Tür öffnet, wird von der knallbunten Macht, die einem urplötzlich entgegenschlägt, einfach umgehauen. Der visuelle Orkan aus Rot, Blau, Grün, Gelb erwischt einen umso heftiger, weil nichts sonst in der Umgebung auf eine derart entfesselte Farbigkeit hindeutet. Farben, sie sind die Basis aller Kreativität von Eun-me Ahn. Willkommen im bunten Powerhaus von Südkoreas schrillster Choreografin.

Eun-me Ahn, den Schädel kahlgeschoren, authentisch bis zur Sohle, frei, verrückt, witzig, und wenn es sein muss auch sarkastisch und autoritär, ist ein Unikum. Die Südkoreanerin, die in New York studierte und es als erste Tänzerin wagte, sich in ihrem Land auf der Bühne nackt zu zeigen, verzichtet auf jede Trennung zwischen Leben und Kunst. In ihren knallbunten Outfits scheint sie ihren eigenen Stücken zu entspringen. Und jederzeit, so scheint es, wäre sie in der Lage, in jedes ihrer Bühnenstücke zurückzuhüpfen.

Eun-me Ahn und Sung-bin Kim auf ihrem Hochsitz

Thomas Hahn

Hier, im Studio im Souterrain, hat sich die Chefin an einer Längsseite einen Hochsitz bauen lassen, wie einen Kommandostand, von dem aus sie das Treiben der Tanzenden beobachtet und lenkt. Links von ihr sitzt ihr Assistent Sung-bin Kim. Beider Füße ruhen auf einer blau gepolsterten Bank. Ahns Socken tragen Pünktchenmuster. Kim stellt seine Ringelsocken zur Schau. Links und rechts von ihnen hängen hunderte Kostüme in strahlenden Farben. Allein für ihr jüngstes Werk „Post Orientalist Express“ entwarf Eun-me Ahn pro Person gut zehn solcher prächtigen Kleider. Zu neunt tanzen sie auf der Bühne. So hängen wohl neunzig farbenprächtige Gewänder gleich neben nicht weniger bunten Kostümen aus früheren Stücken. Dazu heischen bunte Blumengestecke um Aufmerksamkeit. Hier ein merkwürdig gelbes Korallenriff aus ausgestopften Handschuhen, dort stehen lauter Plastikhocker in pink, lila und blau. Überall auf dem Boden glitzern Päckchen mit bunten Pailletten, Spangen und Glasperlen … Die Augen halten dem Sturm der Farben kaum stand.

Eun-me Ahn im klassischen Hanbok

Thomas Hahn

Sie proben gerade im mit silbernen Blumen bedruckten koreanischen Hanbok, einer traditionellen bauschig-prächtigen Tracht noch aus der Zeit, als die Mongolen herrschten. Dieses Kostüm wird in „Post-Orientalist Express“ später keinen Auftritt haben. Zu kompliziert, diese koreanische Tracht anzulegen. Wohl auch zu nah am Folkloristischen. Ahn geht es mehr um die Übertreibung, das Klischee, das in einer ganzen Palette optischer Reize baden soll. Und dennoch authentisch wirken möchte.

Proben zu „Post-Orientalist Express“

Thomas Hahn

Um das zu schaffen, reisten Eun-me Ahn und ihre Truppe auf die japanische Insel Okinawa, nach Bali, auf die Philippinen, nach Thailand, Vietnam, Indien, immer auf der Suche nach dem vom Exotismus geprägten, klischeehaft westlichen Blick auf den Orient. Auch die Türkei und Russland gehören dazu. Überall trafen sie Tanzkompanien und erlernten deren Stile. Ahn ließ sich von den dortigen Textilien inspirieren. Und sprach Gegeneinladungen aus, um hier in Seoul in diesem Studio Workshops in den asiatischen Tänzen zu geben, die Korea nicht kennt.

„Let Me Change Your Name“ von Eun-me Ahn

Marcus Lieberenz/Drama

Land der Einheit

Ihre Offenheit, aber auch Kompromisslosigkeit, haben entscheidend dazu beigetragen, dass Ahn zum internationalen Aushängeschild des zeitgenössischen koreanischen Tanzes wurde. Dabei sind ihre Arbeiten für die hiesige Tanzszene völlig untypisch. In dieser Gesellschaft, die extrem wenig Individualität zulässt, die jede Exzentrik rundweg ablehnt, steht so ein bunter Vogel wie Eun-me Ahn natürlich im Zentrum der Aufmerksamkeit. Perfekt eingenistet in die Rolle des Enfant terrible, polarisiert sie in einem Land, in dem das Bürgertum versucht, mit der Masse zu verschmelzen und möglichst nicht aufzufallen, nirgendwo anzuecken. Das wird schon in der Schule so eingepaukt, das hört an Universitäten und am Arbeitsplatz nicht auf. Es gilt, mit dem Strom zu schwimmen, nur möglichst schneller als die anderen. Im Konkurrenzkampf hervorzustechen ist die einzige akzeptierte Art, öffentlich aufzufallen. So erzeugt Südkorea einen Leistungsdruck mit beeindruckenden Ergebnissen. Aber: Südkoreas Selbstmordrate ist die höchste aller Industriestaaten.

Südkorea fällt auf. Das Land will sein Kino exportieren, seinen Pop, seine Kosmetik, seine Elektronik, seine Autos, seine Kühlschränke. Südkorea versteht sich als Fabrik und folgt deren Gesetzen. Authentizität ist da weder gewünscht noch wird sie gefördert. Wer hier eine eigene choreografische Handschrift entwickeln möchte, hat es schwer. Außer Eun-me Ahn. Sie tanzt freudig aus der Reihe, weil viele ihrer Stücke sich mit der Frage nach der Akzeptanz des Andersartigen auseinandersetzen.

„North Korea Dance“ von Eun-me Ahn

Jean-Marie Chabot

Auch mit der Tanzkultur des schlimmsten Feindes: „North Korea Dance“. So hieß 2018 ihr Opus, das Gemeinsamkeiten wie Unterschiede unterstrich. Eine Provokation für alle, im Norden und im Süden. Eine südkoreanische Produktion, minuziös von Videoaufnahmen aus dem Norden abgeschaut, gut gewürzt und die propagandistischen Tänze Nord-Koreas tüchtig auf die Spitze getrieben.

„Dancing Grandmothers“ von Eun-me Ahn

Young-mo Choe

Richtig berühmt wurde Ahn ab 2010 mit einer Serie von reportageartigen, dokumentarischen Tanzkomödien. Sie sezierte auf ihre humorvolle Art verschiedene Gruppen der Gesellschaft ihres Landes. Es fing an mit „Dancing Grandmothers“, es folgten „Dancing Teenteen“ und „Dancing Middle-Aged Men“. Gerade die ajumas, jene alternden Frauen, die sich ihrer vorgezeichneten Rolle als Mütter und Großmütter verschreiben, hatten es Ahn angetan. Mit ihren Lockenwicklerfrisuren gehören sie seit Urzeiten zum koreanischen Straßenbild. Ihre neutrale Kleidung und der Einheitslook ihrer Haare signalisieren die Abkehr vom Leben in sexualisierter Weiblichkeit.

„Dancing Grandmothers“

Young-mo Cheo

Ahn reiste durch Stadt und Land, um sie zu treffen, zu filmen und sich mit ihnen zu amüsieren. Und fand heraus: Sie sind viel lebendiger als die Gesellschaft sie wahrnehmen will. Die Damen begannen, angesteckt von Ahn, in ihrem täglichen Umfeld zu tanzen. Ahn filmte sie und brachte eine Handvoll von ihnen auf die Bühne, wo sie zeigen durften, was in ihnen steckt. Raus aus ihrer Rolle in der Küche, auch wenn eine koreanische Mahlzeit samt ihren üppigen Beilagen, den banchan, ein komplexes, arbeitsintensives Unterfangen ist.

„Dancing Grandmothers“

Young-mo Cheo

Das Bild von der desexualisierten Alten ändert sich auch in Südkorea. Jüngere Frauen in Seoul, in Gwangju oder Busan gehen davon aus, sich auch nach der Mutterschaft weiter attraktiv zu stylen und ihr Essen online zu bestellen. In Sachen Lieferservice machen südkoreanische Großstädte niemandem etwas vor. Was immer man begehrt: Minuten später steht es vor der Haustür. Die Fahrer arbeiten bis zur Erschöpfung. Manche auch darüber hinaus.

Demokratie und Farbe

Der Einheitslook mit Trockenhaube der ajumas lässt nicht von ungefähr an die Opfer eines totalitären Systems denken. In Nordkorea legen die Partei und der angeblich geliebte Führer Kim Jong-un den Katalog der zugelassenen Frisuren fest. Etwa zehn zugelassene Modelle soll es geben. Aber ist die Lage in Südkorea so viel anders? Vor allem junge Männer scheinen keine Alternative zum Look ihrer K-Pop-Stars zu sehen. Hier dreht sich alles um Mode. Das Wort hat in Südkorea nicht unbedingt die gleiche Bedeutung wie in Europa. Zu Hause in Paris sage ich zu meiner Gattin, die aus Seoul stammt: „Schau, ich glaube diese Schuhe sind jetzt in Mode.“ Sie entgegnet: „Da wäre ich nicht draufgekommen, denn es sind nur einige, die sie tragen. Wenn bei uns etwas in Mode ist, kleiden sich alle danach. Sind in einem Winter schwarze Daunenjacken angesagt, siehst du keine andere Farbe.“

Szene auf den Straßen von Seoul

Thomas Hahn

Tendenziell bestätigt ein Blick ins Straßenbild von Seoul, was sie sagt. Eun-me Ahns Farbwitz leistet hier aktiven Widerstand. Inklusive politischem Statement: „Farbe ist Ausdruck individueller Energie. Buntheit bedeutet, anders zu denken, Grenzen in Frage zu stellen. Das ist lebendige Demokratie. Aber von der Politik wird sehr viel Kontrolle ausgeübt.“

Dabei steht es um die südkoreanische Demokratie nicht allzu schlecht. Mehrmals wurden ehemalige Staatsoberhäupter der Korruption überführt und ihnen der Prozess gemacht. Aber der Schock vom Dezember 2024 sitzt tief. Der gewählte Präsident Yoon rief das Kriegsrecht aus. Wollte so die Demokratie gewaltsam untergraben. Zu frisch noch sind die Erinnerungen an die Militärdiktatur. Erst 1987 wurde das Land demokratisch.

Das Bewusstsein, dass es sich lohnt, eine demokratische Verfassung zu verteidigen, eint die große Mehrheit. Es waren zumeist alte Menschen, die den Populisten Yoon unterstützten. Die Generation, die noch am ehesten zu farbiger Kleidung griff. Als ich mir in Paris eine grüne Hose kaufen will, lästert meine Gattin: „Willst du dich anziehen wie ein Opa?“

Eun-me Ahn

Sanghoon

Eun-me Ahn erzählt, wie sie zum Tanz gekommen ist: „Als Kind begegnete ich eines Tages auf der Straße einer Gruppe von Menschen. Sie waren ganz in Grün angezogen. Ich war fasziniert davon und folgte ihnen. Sie gingen in ein Tanzstudio. Ich war überwältigt von der Atmosphäre, den Übungen, den Spiegeln. Ich starb fast vor Lust, mich der Gruppe anzuschließen. Aber das kostete, und meine Mutter hatte kein Geld übrig. Ich begann zu Hause nur für mich zu trainieren. Dann führte ich mit Freundinnen kleine Stücke auf. Erst als ich zwölf Jahre alt war, bezahlte meine Mutter mir Tanzstunden: Ich lernte die Grundlagen traditioneller koreanischer Tanzkunst. Kurze Zeit später steckte sie mich in einen Englischkurs und es war wieder Schluss mit Tanz. Später erst gab sie mir wieder Geld. Damit schrieb ich mich für ein Studium zum zeitgenössischen Tanz ein und studierte an der Ewha Women’s University, schloss in bildender Kunst ab, eröffnete mein eigenes Tanzstudio und gründete meine erste Kompanie, Paper Steps. Denn das Konzept war, dass wir uns wie auf Papier bewegen.“

„Post-Orientalist Express“

Jean-Marie Chabot

Politics of K-Food

Am 2. Mai 2025 war die Jungfernfahrt des Tanzstücks „Post-Orientalist Express“. Sie fand im Sejong Center for the Performing Arts statt. Das 1978 eröffnete Theater liegt im Herzen der Hauptstadt, im Jongno-Viertel, ganz in der Nähe des ehemaligen Präsidialpalasts „Blue House“ und des königlichen Changdeokgung-Palasts. Im Mai stand das Land unter Hochspannung. Erst Anfang April hatte das Verfassungsgericht die Rechtmäßigkeit der Amtsenthebung des Rechtspopulisten Yoon bestätigt und den Weg für Neuwahlen freigemacht. Im Juni sollten die Präsidentschaftswahlen stattfinden, aus denen der Sozialdemokrat Jae-myung Lee als klarer Sieger hervorging. Am Tag vor der Premiere, dem 1. Mai, fanden die Kundgebungen der Gewerkschaften statt, die für koreanische Verhältnisse energisch ausfielen.

Vor dem Theater: eine Demonstration zur Verbesserung der Situation in der Zeitarbeit

Thomas Hahn

Tage zuvor schon fanden sich Demonstrierende auf dem Vorplatz des Theaters ein, um gegen die Situation von Menschen in Zeitarbeit zu protestieren. Überschattet wurde die Versammlung von einer ganz anderen Art von Demonstration. In großen, weithin sichtbaren Lettern prangte ein stolzes Statement in rot-orange: „K-FOOD“. Koreaner selbst würden ihre Küche nie so bezeichnen. Man isst gimbap oder tteokbokki, bulgogi oder japchae. Pizzastände im Stadtbild bleiben die Ausnahme. „K-FOOD“ richtete sich als Kampagne an die Fremden, die erpicht sind auf K-Pop und K-Drama (Seifenopern). Korea hat es mit diesen Exportschlagern geschafft, einfach nur noch ein Signature-K vor was auch immer zu hängen, um von jugendlichen Menschenmengen überrannt zu werden. K-Beauty, K-Fashion, K-Books, K-Actors… Nun boomt sogar die Kriegsindustrie: K-Defense heißt der aktuelle Exportschlager. „Global Hallyu“ nennt sich die weltweite Koreanische Welle, die sich aus der südkoreanischen Popkultur hochgespült hat und alles zu erfassen scheint.

Die Ambiguous Dance Company in ihrem Stück „Fever“

Gunu Kim-uai

Allein: Wo bleibt der K-Dance? Eher scheint es, der zeitgenössische Tanz Koreas löst sich auf in der K-Pop-Welle. So im Fall der Ambiguous Dance Company, die seit ihrem Erfolgsstück „Body Concert“, 2016 aufgeführt in weißen Oberhemden und schwarzen Business-Anzügen, international erfolgreich ist. Aber erst 2024 konnte sie mit „The Belt“ überhaupt ein neues Stück nachlegen. Zu wankelmütig ist der Markt. Das hochproduktive Unikum Eun-me Ahn bleibt so lang die schärfste Nummer im choreographischen Angebot aus Seoul.

Die Studiowände in Koreas Nationalfarben

Thomas Hahn

Blick nach Norden

Die Wände in Ahns Studio leuchten, auch, in blau und rot. Blau und Rot repräsentieren die koreanische Flagge, im Norden wie im Süden. Im Norden in massiveren, dunklen Tönen, im Süden luftiger und in leichter Version.

„North Korea Dance“

Jean-Marie Chabot

Als Ahn 2018 ihr Stück „North Korea Dance“ vorstellte, das sich mit den Tanzformen im nördlichen Bruderland beschäftigte – was so gar nicht zur geopolitischen Konfrontation passt – bemerkte sie: Auf ihrer Bühne werde diesmal nicht so bunt wie üblich gekleidet getanzt. Aber in Nordkorea bekommt man ihre Kunst ohnehin nicht zu sehen. Ahns Geist und Ästhetik würden im Reich des Kim Jong-un derart explosiv wirken, dass ihr Publikum, gäbe es das, mit schwersten Strafen rechnen müsste. Das Regime jenseits der Demarkationslinie würde zwischen Ahns Stücken und K-Pop keinen Unterschied machen.

„Please Hold My Hand“ von Eun-me Ahn  am Folkwang Tanzstudio in Essen, 2003

Archiv

Auch wenn Ahns Ästhetik nicht das Mindeste mit K-Pop zu hat, außer ihrer Offenheit gegenüber kunterbunten Outfits. Und die ist bei Ahn ungleich stärker ausgeprägt. In Sachen Pigmente per Quadratzentimeter und beats per minute schlagen Ahns Feuerwerke die Produkte der K-Pop-Produzenten um Längen.

Nichts gegen K-Pop, sagt sie: „K-Pop ist recht bunt, da kommt mehr Farbe ins öffentliche Leben. Aber auf der Straße ist das Bild weiterhin sehr schwarzweiß“. Die Trennlinie zwischen Bildschirm und Bürgersteig bleibt. Im Stadtbild sind die Farbtupfer den Lampions des Buddhismus vorbehalten, wenn er die Straßenzüge nahe der Tempel zu Buddhas Geburtstag Anfang Mai schmückt.

Eun-me Ahn

Ahn ist trotz ihres kahl geschorenen Schädels keine Buddhistin. Lange bevor sie sich in New York mit dem westlichen zeitgenössischen Tanz vertraut machte, in den 1990er Jahren, um an der Tisch School of the Arts zu studieren , waren es die schamanistischen Rituale, die sie als 11-Jährige beeinflussten. Zurück in der Heimat wurde sie Tänzerin in den führenden Kompanien Südkoreas, zuerst der Korean Modern Dance Company und dann der Korean Contemporary Dance Company, die bis heute existiert. Als mehr oder weniger einzige Tanzkünstlerin ihres Landes mit Auslandserfahrung war sie eine Pionierin. 2001 wurde ihr die Leitung der Daegu Metropolitan City Dance Company mit 45 Tanzschaffenden übertragen. 2002 choreografierte sie die Eröffnungszeremonie der Fußball-WM, die in Südkorea und Japan ausgetragen wurde.

Thomas Hahn

Eine besondere Beziehung

In der Eun-me Ahn Company sticht eine Interpretin heraus, die seit achtzehn Jahren all die von Ahn persönlich entworfenen Kostüme auf die Bühne bringt. Hye-kyoung Kim  ist ein Fixpunkt, die danseuse étoile der Kompanie, angesteckt von Ahns Sucht nach Farben. „Ich liebe das knallige Rot, Blau, Orange, Grün und Pink. Ich trage es gern, außer wenn ich mich beruhigen will oder etwas Wichtiges anliegt. Zu offiziellen Anlässen verstecke ich das Bunte in meinem Inneren“, sagt sie und meint genau diese Diskretion, die den koreanischen Alltag so farblos erscheinen lässt. Niemand stellt in der Öffentlichkeit sein Inneres zur Schau. Außer natürlich Eun-me Ahn.

Hye-kyoung Kim über ihre Kollegin und Freundin: „Sie ist unglaublich gut darin, das Zusammenspiel der Farben so zu gestalten, dass alles zu leuchten scheint. Man sagt, dass das Mischen aller Farben unweigerlich Schwarz erzeugt. Bei ihr entsteht im Gegenteil jede Menge vitale Energie. Ihre Regenbogen-Identität repräsentiert die Vielfältigkeit ihrer Karriere und ihrer Kunst. Man weiß nie, in welche Richtung es bei ihr als nächstes gehen wird. Sie ist so unersättlich neugierig auf alles und auf alle Arten von Menschen. Ständig wirkt sie wie aufgezogen, immer in Bewegung, wie ein Kaninchen, als wäre sie mitten in der Geschichte von Alice im Wunderland.“

Eun-me Ahn in „Let Me Change Your Name“, 2005

Marcus Lieberenz/Drama

Die Choreografin sei ihr praktisch eine Mutter, sagt Kim: „Wir leben im selben Wohnhaus. Eun-me im Erdgeschoss, ich im zweiten Stock. Wir frühstücken zusammen und verbringen den größten Teil des Tages gemeinsam. Wir lachen und reisen gemeinsam, wir streiten uns, freuen uns dann wieder und tanzen zusammen.“ Man denkt an Pina Bausch. Allein die Dekoration im Studio deutet in Richtung Wuppertal. Auf der einen Seite neben der Eingangstür hängt eine Kuckucksuhr, gegenüber ein Poster in Schwarzweiß: „Ein Fest in Wuppertal“. 2001 hatte Bausch die Koreanerin eingeladen und Ahn zeigte ihre Solostücke. Bausch öffnete ihr auch in die Folgejahren die Bühne. Das Publikum in Wuppertal war mit das erste in Europa, das Ahns Kabinettstücke entdeckte.

Spuren der engen Beziehung zu Pina Bausch in ihrem Studio

Thomas Hahn

Man blieb sich treu. 2018 und 2019 war Ahn Mitglied der dreiköpfigen Jury für die Auswahl der Pina Bausch Fellowship for Dance and Choreography. Ahn und Bausch schätzten sich sehr. Beide musste sich lange mit Anfeindungen ihres Publikums auseinandersetzen. Bausch hat es geschafft, über die Zeit ein Fixstern in der deutschen Gesellschaft zu werden. Trotz ihrer Ballettintendanz in Daegu und der Olympischen Eröffnung: Eun-me Ahn blieb den Institutionen stets fern. Ein Eun-me-Ahn-Zentrum, etwas, mit dem Pina Bausch in Wuppertal geehrt werden soll, wird es in Seoul wohl niemals geben.

Mode und Mobililtät

Der Highway der Gleichen

Thomas Hahn

In Seoul demonstriert Ahn Stärke durch Mut zur Buntheit ein Straßenbild, das von farblosen Limousinen bestimmt wird. Ihre erste Solistin Hye-kyoung Kim tut es ihr gleich: „Ich fahre einen rosa Scooter und Eun-me ein grünes Auto“, sagt sie. Einen farbigen PKW kann man in Korea suchen wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Ein Auto hat weiß, grau oder schwarz zu sein, und bitte kein Kleinwagen. Schon gar nicht in beige. Sieht man in der leicht exzentrischen Hafenstadt Busan einen lila Lamborghini durch die Straßen schießen, ist der Effekt entsprechend. Nichtfarbigkeit ist in Südkorea nicht verhandelbar: „Wenn du ein buntes Auto hast, wie willst du das denn weiterverkaufen? Da kannst du ja noch nicht einmal eine Tür als Ersatzteil loswerden!“, erklärt mir ein Freund.

Ein südkoreanischer PKW-Parkplatz vor einem Supermarkt sieht exakt so aus wie das Auslieferungslager eines Autoherstellers.

Thomas Hahn

Auf der Hipster-freundlichen Shopping-Meile von Hannam-dong liegt das Modekaufhaus von Musinsa, eine Marke, die bei der urbanen Jugend gerade beliebt ist. Deren Auslagen: eine Palette von Grau- und Sepiatönen. Trostlos.

Thomas Hahn

Das Grau des Wirtschaftswunders

Dabei geht es um nichts weniger als um kulturelle Harmonie. Sie setzt schon beim Namen ein. Sung-bin Kim, der Assistent, trägt wie die erste Solistin Hye-kyoung Kim denselben Nachnamen. Noch zwei weitere Mitglieder des neunköpfigen Produktionsteams sowie insgesamt drei der neun Tanzenden hören auf den Namen Kim, der etwa 21 Prozent der Bevölkerung ziert. Kim bedeutet Gold. Der Name ist statistischer Spitzenreiter, gefolgt von Lee. Gerade mal dreihundert Patronyme sind überhaupt bekannt. Auch Ahn gehört mit zu den häufigeren koreanischen Familiennamen.

„Post-Orientalist Express“

Jean-Marie Chabot

Diese koreanische Einheitlichkeit hat zu tun mit dem konfuzianistisch geprägten Streben nach Harmonie. Eun-me Ahn scheint hier nicht reinzupassen. Dabei hat niemand in Südkorea etwas gegen bunt. Aber der Druck der Anpassung ist immens. „Früher waren bunte Stoffe der reichen, herrschenden Klasse vorbehalten. Heute sind farbig bedruckte Textilien allen Schichten der Bevölkerung zugänglich“, erklärt Ahn. Dass man sich dennoch in der Öffentlichkeit farblos bedeckt, fast wie buddhistische Mönche, dürfte mit dem südkoreanischen Wirtschaftswunder der letzten Jahrzehnte zu tun haben. Ein höheres, gemeinsames Ziel öffnete den Weg zu materiellem Wohlstand in einem konformistischen Ambiente. Individuelle Entfaltung und die Selbstverwirklichung jenseits materieller Wünsche sind in Südkorea unbekannt. Ende Oktober 2025 eröffnete das Centre Culturel Coréen in Paris eine sich sehr bunt ankündigende Kunstausstellung unter dem Titel „Couleurs de Corée“, Werke von Stars der dortigen zeitgenössischen Kunst, etwa von Ungno Lee (1904-1989) oder Tschang-yeul Kim (1929–2021)

Bunte Fruchtgestecke in „Post-Orientalist Express“

Sukmu Yun, Jiyang Kim

Tankstelle im Eisviertel

So farbig wie die Selbstwahrnehmung der Menschen, so chromatisch taktvoll ist ihre Attitüde in ihrer eigenen Außendarstellung. Stülpt Eun-me Ahn die fröhliche Innenwelt ins reale Leben, entsteht eher der Eindruck einer surrealen Parallelwelt. Wie diese unverschämte Buntheit in Ahns Probenstudio. Bei jedem Besuch staune ich wieder. Der Kontrast mit der Außenwelt könnte nicht größer sein. Ihr Refugium liegt in keinem geschäftigen, mit schriller, bunter Werbung übersäten und dicht bebauten Ausgehviertel, in denen sich Restaurants und Geschäfte horizontal und vertikal aneinander reiben und unser Bild asiatischer Städte bestimmen, bunt leuchtende Inseln, die hervorstechen aus den nach hierarchischen Regeln strikt organisierten urbanen Ballungsräumen.

Ahns Studio liegt gegenüber einer Hochstraße aus grauem Beton, die den unendlich breiten Fluss Hangang überquert und ein Stadtviertel überfliegt, das den historischen Namen Seokbing trägt. Ein Hinweis auf Eisfabriken und -kammern, die frühere Herrscher hier angelegen ließen. Man nutzte die Kühle des Flusses, um unterirdisch Eisreserven zu konservieren. Hier an der Stadtautobahn erstreckt sich eins der letzten historischen Viertel, das noch nicht durch Wohntürme ersetzt wurde. Seokbing markiert so etwas wie Idyll in hügeliger Topografie, in deren kleinen, niedrigen Wohnhäusern zumeist ältere Menschen leben. Wer jung und berufstätig ist, bevorzugt die vierzig Stockwerke hohen Wolkenkratzer, die weitläufige, moderne Wohnungen bieten und sich in durchaus angenehmen Parkanlagen mit Spielplätzen und Fitnessstrecken gruppieren, und natürlich sündhaft teuer sind. In den gewundenen, manchmal steil ansteigenden Gassen des historischen Seokbing führt eine alte Dame ihren Hund aus. Auf den Zuruf „ist der niedlich“ kläfft sie zurück: „Sie haben wohl keinen Hund?“

Um aus dem alten Seokbing zu Eun-me Ahns Studio zu gelangen, muss man die Spielplatzanlage unter der Stadtautobahn durchqueren. Wären nicht die wenigen Bäume und die roten Rücklichter der Autos, würde man sich in einem Schwarzweißfilm wähnen. Da ein Café, das auch Fahrräder verkauft. Dann die Tankstelle. Und hinten, linker Hand, das Treppenhaus mit dem Zugang zum Studio im Untergeschoss. Dort, wo Südkorea die Armut vermutet, wie sie Bong-joon Ho in seinem Film „Parasite“ dargestellt hat. Wer arm ist, lebt im Untergeschoss. Ahn kann das egal sein. Das Untergeschoss schützt sie vor den Auswirkungen der Immobilienblase, die die Preise für Wohnraum in immer Schwindel erregendere Höhen steigen lässt. Und die Politik zu Versprechungen einer Mietpreisbremse hinreißen ließ, die für den kurzzeitigen Erfolg des Populisten Suk-yeol Yoon bis zu seiner Absetzung im April 2025 sorgte.

Eun-me Ahn preist den Vermieter ihres Studios: „Vor zwanzig Jahren hat er mir versprochen, niemals die Miete zu erhöhen und bis heute hat er Wort gehalten.“ 

Postorientalistischer Cocktail

In der politisch angespannten Atmosphäre des Frühjahrs 2025 bildete das Studio einen perfekten Rückzugsort. Das warme, optisch überheizte Nest ist das ideale Ambiente, um sich von der Außenwelt abzuschirmen. Die Tänzerin Hye-kyoung Kim  findet, dass die koreanische Gesellschaft sich immer stärker polarisiert: „Es wird immer extremer, auf allen Ebenen.“

Als Yoon am 3. Dezember 2024 versuchte, mitten in der Nacht das Parlament besetzen zu lassen, war die Kompanie auf Tournee in Großbritannien. Ganz Korea, egal ob in der Heimat oder sonst wo in der Welt, verfolgte das Ereignis ungläubig über die Medien. „Yoon wollte das Kriegsrecht verhängen, und ich fühlte mich, als wäre ich persönlich vergewaltigt worden“, erinnert sich -kyoung: „In einer demokratischen Gesellschaft erfüllt die Verwendung des Wortes an sich bereits den Tatbestand der Nötigung. Und es hängt mit meiner Geschichte zusammen. Mein Vater war in der Armee. Alles, was mit Militär und dieser Art der Ausübung von Kontrolle über andere zu tun hat, ist für mich traumatisch besetzt. Die Leute sollten lieber miteinander tanzen!“

Das ist auch die Botschaft von Ahns Stücken, ob bei „North Korean Dances“ oder dem Vorgängerstück zu „Post-Orientalist Express“. Es hieß „Dragons“. Ahn hatte junge Tanzschaffende der Generation Z aus verschiedenen Ländern Asiens zusammengeführt, die tanzend von ihren Zukunftsvisionen und -ängsten berichteten.

Bei „Post-Orientalist Express“ ist es genau umgekehrt. Die Tanzenden stammen sämtlich aus Korea, die fernöstlichen Tänzen und Motiven begegnen.

Asiatische Maskentänze und ein Troll bei der Probe

Thomas Hahn

Masken und Kostüme entwickeln eine pan-orientalische Opulenz, in der sich die Kompanie ständig umzieht, um eine andere Tanzform aus dem Hut zu zaubern: Hier eine balinesische Zeremonie, da der Kathakali aus Kerala. Indonesischer Topeng begegnet vietnamesischem Fächertanz und Sonbo-Stabtänzen aus Okinawa. Ein Tänzer verschwindet in einem dunkelgrünen Bodysuit und dreht auf dem Kopf als sei er ein Troll.

Auftritt der Fächer

Thomas Hahn

Fächer mit einem Durchmesser von zwei Metern strahlen hinten rot und vorne weiß.  Kostüme sind vorne blassgrün mit Sternenmotiven bedruckt, die Rückseite leuchtet dunkelrot. Und die Stoffe der Tüchertänze sind in die Pastellfarben des traditionellen koreanischen Hanbok getaucht, während ihre Leichtigkeit das Gegenteil dieser mehrschichtigen Tracht verkörpert. Hye-kyoung Kims mit weißen Sternen besetzter Bodysuit ist leuchtend gelb. Sie zieht sich goldgelb glitzernden Handschuhe an, die aus buddhistischen Tänzen stammen, um die Hände mit großer Ruhe und in Stille zu führen. „Es ist ein Gebetsritual“, sagt Eun-me Ahn, „wo alles Gold, Gold, Gold ist. Aber wir beschleunigen die Musik und damit auch die Bewegungen, so dass eine andere Dynamik, eine neue Wucht und ganz andere Bilder entstehen.“

Stäbetanz in „Post-Orientalist Express“

Jean-Marie Chabot

Es folgt ein Tanz mit farbigen Stäben, so lang wie für den Stabhochsprung. „Auf den Philippinen gibt es einen solchen Tanz mit Bambusstangen. Die Symbolik von Bambus ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde: eine Art Antenne“, sagt Ahn.

Hye-kyoung Kim wird beschirmt

Jean-Marie Chabot

Weiße Weiblichkeit

Zum Schluss kommen Objekte ins Spiel, die vor kosmischen Strahlen schützen sollen. Hye-kyoung Kim, immer in vorderster Reihe, nimmt auf einem weißen Tuch Platz und wird darauf im Lotussitz durch den Raum gezogen. Hält dabei einen weißen Papierschirm im Mund. Das Gesicht waagerecht, der Stiel des Schirms perfekt senkrecht. Eine artistische Art, gleichzeitig den Himmel anzubeten und sich vor ihm zu schützen.

Probe der Weißen Blüten

Thomas Hahn

Die weißen, leichten Sonnenschirme stehen im Zentrum des symmetrisch-harmonischen Schlussbilds. „Sie sind wie weiße Blüten und stehen für Weiblichkeit und Muttermilch, während die Stiele den männlichen Part symbolisieren, in der Dualität von Yin und Yang. Diese Art Sonnenschirm stammt ursprünglich aus China und hat sich von dort über ganz Asien verbreitet.“

Eun-me Ahn als Furie im schwarzen Drachenkleid

Sanghoon

Mit China verbindet Ahn auch das schwarze Kleid, in dem sie zum Schluss auf der Bühne erscheint. Es ist von unten bis oben mit einer goldenen Drachenfigur besetzt, die die Trägerin des Kleids mit ihrem Feuer zu umgarnen scheint: „Ich habe es einem Modell von Anna May Wong nachempfunden, dem chinesisch-amerikanischen Hollywoodstar.“ Unter anderem spielte sie mit Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs „Shanghai Express“. Jetzt trägt Eun-me Ahn das Kleid, und tanzt einen ganz anderen Geist als den der niedlichen Weiblichkeit.

Studioprobe

Thomas Hahn

„Ich habe mir angeschaut, welche Vorstellungen über asiatische Tänze manche Menschen im Kopf haben und diese mit anderen Bewegungsmustern überlagert, sodass sehr starke, neue Schritte und Bewegungen entstehen. Es sind Tänze, die aus der Zukunft kommen,“ sagt sie. Die Zukunft, das heißt für Ahn die Erweiterung der jeweiligen Traditionen durch die globale Internet- und Popkultur. Eine „positive Zukunft“ will sie, eine, die nicht von gegenseitigen Vorurteilen, sondern von gemeinsam erlebter Spaßkultur geprägt ist. Ihr „Post-Orientalist Express“ vermittelt eine schalkhafte Botschaft an den Okzident, die sich vielleicht so formulieren lässt: Wenn ihr uns auf traditionelle Musik- und Tanzstile reduziert, dann amüsiert es uns. In Wahrheit aber vermengen wir alles mit allem und verwirren mit dieser Parodie eure Sinne.

Die Kulisse ist die Palette

Jean-Marie Chabot

Das gilt für die Tänze wie für das Bühnenbild, einer Art visuelles Kaleidoskop der Reisen durch Ahns Orient. Wie ein überdimensionaler Perlenvorhang hängen Hunderte großer Teller in Reihen an der Decke und sind mit bunt bedruckten Stoffen aus allen von ihr besuchten Ländern bezogen.

Bunte Mondkrüge

Die Röcke, in denen die neun Tanzenden zum Schluss grüßen, spielen auf die koreanische Tradition des Moon-jar (des Mondkrug) an. Traditionell, seit dem 17. Jahrhundert, werden sie in Weiß- und Grautönen gefertigt. Nur bei Ahn aber sind die Mondkrug-Röcke senkrecht gestreift, in allen Farben der traditionellen koreanischen Obangsaek-Farbpalette. Was fehlt ist Schwarz, Symbol des Wassers, des Nordens und des Winters. Stark präsent sind: Rot (Feuer, Süden, Sommer), Blau (Holz, Osten Frühling), Weiß (Metall, Gold, Westen, Herbst) und Gelb (Erde, Zentrum).

Ein solcher Mondkrug mit Längsstreifen in der gesamten Farbpalette von Ahns Kostümen dient auch als Posterbild für die Ausstellung „Couleurs de Corée“ im Pariser Centre Culturel Coréen. Ahns leuchtender Schädel im Mondschein scheint da einem bunt gestreiften Mondkrug zu entsteigen.

Eun-me Ahn im Ringelkleid: Autogrammstunde nach der Premiere von „Post-Orientalist Express“

Thomas Hahn

Nun stellen Eun-me Ahns breiter, blanker Schädel und ihre schrille Garderobe nicht nur im heutigen Südkorea eine Provokation dar. Auch in Europa zieht sie im bunten Ringelkleid alle Blicke auf sich. Das Enfant terrible propagiert keine Gender-Punchline, sondern eine buntere Vision von Weiblichkeit. Mit der passt sie in kein gängiges koreanisches Mainstream-Schema und hat auch keinen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt, anders als all die nicht minder schrillen K-Pop- und Kinoproduktionen.

Sung-bin Kim in vollem Ornat präsentiert des Programmbuch zu „Post-Orientalist Express“

Thomas Hahn

Zur Uraufführung von „Post-Orientalist Express“ im Sejong Center for the Performing Arts in Seoul verkaufen ihre Mitarbeitenden eine poppig bunte Broschüre. Ahns Vertrauter, ihr Assistent Sung-bin Kim, präsentiert sich hier in einem ebenso unkonventionellen Outfit wie seine Chefin. Man könnte erwarten, dass auch Ahns Publikum sich ähnlich alternativ kleiden würde.

Sie hat eine kleine, aber treue Fangemeinde, die deutlich macht: Auch diese Premiere ist ein mit Spannung erwartetes Ereignis.

Einerseits gab es zum Schlussapplaus mehr Jubeltöne als sonst aus Koreas diskret reagierendem Publikum zu hören. Insofern hat Ahns kunterbuntes, fröhliches Treiben durchaus eine befreiende Wirkung. Andererseits: Gekleidet waren ihre Fans so einheitlich dunkel, als besuchten sie eine Firmenfeier. Was auch daran liegen mag, dass sie danach mehrheitlich mit der U-Bahn nach Hause fahren und dort keine neugierig-abschätzigen Blicke auf sich ziehen wollen.  Und Ahn? Wird weiter dem K-Pop-Kitsch ihrer Heimat die blanke Stirn bieten, sich in ihrem bunten Bunker verstecken und sich auf den Bühnen Koreas rarmachen, während sie ausgiebig durch Europa tourt, Nord- und Südamerika, durch Asien und Australien. Die Chance, ihre Stücke anderswo zu sehen, sind überall auf der Welt größer als in ihrer Heimat. Ihr Studio aber wird sie für immer mit Seoul verbinden.

„Post-Orientalist Express“, 2025

Sukmu Yun, Jiyang Kim