Tankstelle im Eisviertel
So farbig wie die Selbstwahrnehmung der Menschen, so chromatisch taktvoll ist ihre Attitüde in ihrer eigenen Außendarstellung. Stülpt Eun-me Ahn die fröhliche Innenwelt ins reale Leben, entsteht eher der Eindruck einer surrealen Parallelwelt. Wie diese unverschämte Buntheit in Ahns Probenstudio. Bei jedem Besuch staune ich wieder. Der Kontrast mit der Außenwelt könnte nicht größer sein. Ihr Refugium liegt in keinem geschäftigen, mit schriller, bunter Werbung übersäten und dicht bebauten Ausgehviertel, in denen sich Restaurants und Geschäfte horizontal und vertikal aneinander reiben und unser Bild asiatischer Städte bestimmen, bunt leuchtende Inseln, die hervorstechen aus den nach hierarchischen Regeln strikt organisierten urbanen Ballungsräumen.
Ahns Studio liegt gegenüber einer Hochstraße aus grauem Beton, die den unendlich breiten Fluss Hangang überquert und ein Stadtviertel überfliegt, das den historischen Namen Seokbing trägt. Ein Hinweis auf Eisfabriken und -kammern, die frühere Herrscher hier angelegen ließen. Man nutzte die Kühle des Flusses, um unterirdisch Eisreserven zu konservieren. Hier an der Stadtautobahn erstreckt sich eins der letzten historischen Viertel, das noch nicht durch Wohntürme ersetzt wurde. Seokbing markiert so etwas wie Idyll in hügeliger Topografie, in deren kleinen, niedrigen Wohnhäusern zumeist ältere Menschen leben. Wer jung und berufstätig ist, bevorzugt die vierzig Stockwerke hohen Wolkenkratzer, die weitläufige, moderne Wohnungen bieten und sich in durchaus angenehmen Parkanlagen mit Spielplätzen und Fitnessstrecken gruppieren, und natürlich sündhaft teuer sind. In den gewundenen, manchmal steil ansteigenden Gassen des historischen Seokbing führt eine alte Dame ihren Hund aus. Auf den Zuruf „ist der niedlich“ kläfft sie zurück: „Sie haben wohl keinen Hund?“
Um aus dem alten Seokbing zu Eun-me Ahns Studio zu gelangen, muss man die Spielplatzanlage unter der Stadtautobahn durchqueren. Wären nicht die wenigen Bäume und die roten Rücklichter der Autos, würde man sich in einem Schwarzweißfilm wähnen. Da ein Café, das auch Fahrräder verkauft. Dann die Tankstelle. Und hinten, linker Hand, das Treppenhaus mit dem Zugang zum Studio im Untergeschoss. Dort, wo Südkorea die Armut vermutet, wie sie Bong-joon Ho in seinem Film „Parasite“ dargestellt hat. Wer arm ist, lebt im Untergeschoss. Ahn kann das egal sein. Das Untergeschoss schützt sie vor den Auswirkungen der Immobilienblase, die die Preise für Wohnraum in immer Schwindel erregendere Höhen steigen lässt. Und die Politik zu Versprechungen einer Mietpreisbremse hinreißen ließ, die für den kurzzeitigen Erfolg des Populisten Suk-yeol Yoon bis zu seiner Absetzung im April 2025 sorgte.
Eun-me Ahn preist den Vermieter ihres Studios: „Vor zwanzig Jahren hat er mir versprochen, niemals die Miete zu erhöhen und bis heute hat er Wort gehalten.“
Postorientalistischer Cocktail
In der politisch angespannten Atmosphäre des Frühjahrs 2025 bildete das Studio einen perfekten Rückzugsort. Das warme, optisch überheizte Nest ist das ideale Ambiente, um sich von der Außenwelt abzuschirmen. Die Tänzerin Hye-kyoung Kim findet, dass die koreanische Gesellschaft sich immer stärker polarisiert: „Es wird immer extremer, auf allen Ebenen.“