Tjimur Dance Theatre

"Paiwan Zoo"

Tjimur Dance Theatre, Bearbeitung tanz.dance

Ljuzem Madiljin ist die künstlerische Leiterin des Tjimur Dance Theatre. Statt ihre Kultur als bloße Folklore für den Tourismus zu verkaufen, nutzt sie die moderne Kunst als kraftvolles Statement. Vor den Gastspielen in Dresden und Hamburg zeigt dieser Beitrag, wie sie die Verantwortung für ein ganzes Bergdorf trägt und sich dem Blick der Fremden widersetzt.

I-Wen Chang
Tanzwissenschaftlerin

Ljuzem’s Walk

Carolina Lecoq

Es gibt auch weibliche Häuptlinge. Oder solche, die in eine Häuptlingsfamilie eingeheiratet haben. Wie Ljuzem Madiljin, eine Spaziergängerin des Tanzes, die schwer an ihrem Ornat trägt, aber mit Stolz, wie es sich für Häuptlinge gehört. 25 Kilogramm ist das Gewicht, das ihr von ihren Vorfahren übertragen wurde. Sie ist eine Paiwan. Damit gehört sie zu den Indigenen auf Taiwan, jener Insel, von der ständig gemunkelt und gemutmaßt wird, sie sei Beute für die Volksrepublik China. Ljuzem Madiljin tanzt ungerührt weiter und begegnet den Menschen, demnächst in der Gartenstadtidylle von Hellerau bei Dresden, danach aus Anlass der „Tanztriennale“ in den Straßen von Hamburg. Die Leiterin des Tjimur Dance Theatre aus dem tiefsten Süden von Taiwan ehrte zuvor am Hafenbecken von Oslo einen Platz, an dem die Sámi protestierten, die indigenen Volksgruppen in Skandinavien.

Taiwan schrieb die Gleichberechtigung der indigenen Bevölkerung 1994 in seine Verfassung, hat sich aber erst 2016 für die Folgen der Unterdrückung offiziell entschuldigt. Heute werden Indigene bei Großveranstaltungen stolz an vorderster Front aufgestellt, so, wie es schon dem Vater von Ljuzem Madiljin geschah, als er mit seiner Truppe die „Folklore der Eingeborenen“ darstellen sollte. Die nächste Generation verweigert sich dem. Sie will ihre Kultur nicht länger an solche Formen des Tourismus zu verkaufen.

Stattdessen reinigt sie ihre Kultur, die deformiert ist von der Folklore, dem Blick der Fremden. Sie nutzt dazu die analytische Schärfe der Moderne. Ihr Risiko heute besteht darin, in die Fänge des Kunstmarkts zu geraten. Aber das Tjimur Dance Theatre muss leben, und so auch das ganze Dorf Tjimur in den Bergen im Süden von Taiwan. Ljuzem Madiljin, die Direktorin des Tanztheaters, ist nicht nur für den Tanz zuständig. Sondern für alle im Dorf. Um ihre Stituation zu verstehen, stelle man sich vor: Zohran Mamdani, der Bürgermeister von New York, wäre zugleich Leiter des New York City Ballet. Vielleicht ein Glück für den Tanz. Aber eine unglaubliche Verantwortung, weit schwerer als die 25 Kilo, die das Gewand von Ljuzem Madiljin wiegt. I-Wen Chang hat Tjimur besucht. Und New York in einer Nussschale gefunden.

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Der Biss der Hundert-Schritte-Schlange

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Wie eine kleine indigene Tanzkompanie aus einem Bergdorf im Süden Taiwans auf die internationale Bühne gelangen konnte.

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