Dylan Quinn tanzt auf der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland, zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich – in einem ständigen Wechselschritt zwischen Nord und Süd

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Wo ist was in dieser Geschichte? Westlich von Belfast lebt Dylan Quinn in einer Kleinstadt namens Enniskillen. Südlich davon, gleich hinter der Grenze von Nordirland, in der 222-Seelen-Gemeinde Swanlibar, ereignete sich „Anything to Declare“. Nordwestlich gelegen, in der Nähe von Kiltyclogher, fand die Performance „Fulcrum“ statt.

Cover der Orginalausgabe
1986 wanderte der irische Autor Colm Tóibín die 500 Kilometer lange Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland entlang. Seine Reise – festgehalten in seinem inzwischen unter dem Titel Walking Along the Border erschienenen Buch – war keine sportliche Übung, sondern ein investigatives Unterfangen: eine Meditation über eine Grenze, die existiert, aber manchmal eben auch nicht.
Denn als er sich wieder einmal nicht sicher war, in welchem Hoheitsgebiet er sich gerade befand, fragte Tóibín einen Einheimischen:
„Woher weiß ich, ob ich mich im Norden oder im Süden befinde?“
„Das können Sie nicht wissen“, antwortete der Einheimische mit einem süffisantem Lächeln.

Grenzlos bestimmen Regen, Sonne, Wind die Landschaft, die eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland nur symbolisiert
Die irische Grenze war immer schon: sichtbar und unsichtbar, durchlässig und befestigt, eine Grenze, die man mehr spürt als sieht. Es ist eine politisch auferlegte, aber auch eine imaginäre Linie, die sich durch nahtlose Landschaften zieht – und dennoch den Rhythmus des täglichen Lebens, die Konturen der Identität und den Verlauf der Geschichte prägt.
Im Lauf der Jahre ist diese Grenze immer wieder aufgetaucht und immer auch wieder verschwunden.
Sie entstand 1921 aus der Teilung Irlands, das sich über seine Zukunft uneins war. Die Insel zerfiel in zwei Teile: den irischen Freistaat im Süden und Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs. Die Karte suggeriert Klarheit, die Realität ist es nicht. Über die neue Grenze hinweg wurden Städte, Flüsse und Felder geteilt. Häuser und Familien fanden sich in zwei Lagern wieder.
Erst in den 1990er Jahren lockerte sich der Druck. Die “Einheitliche Europäische Akte”, auch als Vertrag von Luxemburg bekannt, schaffte 1993 die Zollstellen ab und versprach einen reibungslosen Markt. Das Karfreitagsabkommen von 1998 beseitigte die Kontrollpunkte der Armee, öffnete die Straßen und milderte das Gefühl der Teilung. Die Linie auf der Karte aber blieb. Sie wurde nur nicht länger diskutiert. Das einzige Anzeichen dieser Grenze: Weiterhin markiert sie den Übergang von einer Gerichtsbarkeit zur anderen. Ihr äußeres Zeichen: eine subtile Veränderung der Straßenbeschilderung – mit einer anderen Schriftart, Farbe, mal um die Limitation von Meilen (per Stunde), mal von Kilometern bemüht.
Die Grenze schien zu verblassen. Doch auch Abwesenheit hat seine Präsenz: Die unsichtbare Linie prägt weiterhin das Verhalten, das Denken und die Vorstellungskraft der einen über die anderen.

Neon bei Nacht zeigt in einer Kunstaktion, dass die Wirkung dieser Grenze weit virulenter ist, als man ihr ansieht
Aber dann, auf einmal, flammte die so stille Abwesenheit der Grenze knallrot auf. Auf einem Feld zwischen Enniskillen und Swanlinbar, in der Nähe einer ehemaligen unmarkierten Grenzübergangsstelle, leuchtete in der Abenddämmerung eine Neonschrift: ANYTHING TO DECLARE (Etwas zu verzollen?). Es war keine Warnung, sondern eine Provokation, eine Aufforderung, darüber nachzudenken, was ungesagt bleibt.

Die Aktion von Rose Connelly, Róisín Loughrey, Dylan Quinn und Andy Garbi
Das Schild ist Teil (und Titel) einer Kunstinstallation von Dylan Quinn, des im nordirischen Enniskillen ansässigen Choreografen. Der Ort im Süden, Swanlinbar, war einst ein geschäftiges Grenzdorf direkt hinter der Grenze. Heute hat es nur noch 222 Einwohner. Quinn wählt es als seine Bühne. Zusammen mit drei anderen Kunstschaffenden – Róisín Loughrey, Andy Garbi und Rose Connelly – entstand dieses Projekt, in dem sich alles um die Zahl 21 dreht: in Anspielung auf die Errichtung der Grenze im Jahr 1921. Es gibt einen 21-minütigen Tanz, eine 21-minütige audiovisuelle Partitur, eine 21-minütige Komposition und 21 Kurzfilme, verteilt über das ganze Dorf.

Swanlibar, 222 Einwohner
„Wenn man an Orte wie Swanlinbar kommt“, sagt Dylan Quinn, „bekommt man ein Gefühl für die Verwüstung, die durch die Grenze verursacht wurde, allein durch den Akt, hier eine Grenze zu ziehen und sie wieder aufzuheben. Dieses Dorf war einst voller Menschen, die dort arbeiteten – beim Zoll, bei der Polizei, als Soldaten. Als die Grenze verschwand, verschwanden auch sie. Die Schulen verloren ihr Schulkinder. Die Pubs verloren ihre Gäste.“

Róisín Loughrey: A Line That a Bird Cannot See, Installationsansicht
Die Filmemacherin Róisín Loughreys fragt in A Line That Birds Cannot See: Warum geht es so vielen Grenzdörfern nach einem Vierteljahrhundert Frieden schlechter als während des Höhepunkts? Sie führt die Menschen in Gruppen zu dreißig Teilnehmenden durch Swanlinbar. Immer wieder stoßen sie auf Bildschirme: in einer Gasse, einem Schaufenster, einem alten Schulhaus, einem Umkleideraum und in einer modernen römisch-katholischen Kirche, errichtet 1978 als Ersatz für das 1976 bei einem Bombenanschlag zerstörte Gebäude.

Auf dem einminüten Videoloop, aufgenommen vor der Kirche, sieht man einen verblühten Löwenzahn und Stacheldraht wie eine Dornenkrone: In einer malerischen Gasse zeigt der Bildschirm dort dieselbe mit Brettern vernagelte Gasse. Sie zeigt auch die Landschaft, die sich auf beiden Seiten der Grenze zum Verwechseln ähnelt. Die Natur, Schwärmen von Krähen, feiern diese Gemeinsamkeit, während die beiden damaligen irischen Verhandlungsführer bei der Grenzziehung, Michael Collins und Arthur Griffith, ihren Auftritt haben inmitten einer eng miteinander verbundenen Gemeinschaft, in der Aufnahmen von alternden Händen eine gemeinsame Menschlichkeit über Grenzen hinweg suggerieren.

A Line That a Bird Cannot See, Stills
Die Grenze trennt die Landschaft nicht. Sie zieht nur eine Linie durch ein Gebiet, das geografisch mit sich selbst identisch ist. Lediglich in einigen Teilen hilft die Natur: Flüsse bilden natürliche Grenzen, und für einen kleinen Abschnitt an der inneririschen Grenze, östlich von Swanlinbar, erfüllt der Fluss Cladagh diese Funktion zwischen Fermanagh County, der Grafschaft in Nordirland, und Cavan County im Süden, der Republik.

St. Augustine’s Church in Swanlibar
Vom Komponisten Andy Garbi, einem Mitarbeiter des Tanztheaters von Dylan Quinn, stammt eine Klanglandschaft namens Lung in der protestantischen St. Augustine’s Church in Swanlibar.
Garbi lässt sich von der Quelle des Flusses Cladagh inspirieren, die nicht am Gipfel eines Berges liegt, sondern in den nahe gelegenen Marble Arch Caves.
Die dröhnend schallende Akustik dieser Höhlen ist unwiderstehlich. Sie schafft den Hintergrund für Garbis Live-Rezitation von Gedichten, geschrieben an Orten entlang des Flusses, die er mit Geotags markiert hat und für sein Lied 21 Grammes, ein melancholisches Lied, als hätte es Tom Waits geschrieben.
Die Marble Arch Caves
Entlang der Wände der Kirche stehen gläserne Tanks mit dem brackig-braunen Wasser des Cladagh. Von unten nach oben beleuchtet, tanzen goldene Muster auf den Steinwänden der Kirche.

Rose Connolly
In einem kleinen, mit schwarzem Stoff abgedeckten Bereich der Methodistenkirche lenkt Rose Connellys Klanginstallation Persistent Shadow das umherstreifende Publikum zurück auf die Problematik der ihnen auferlegten Grenze.
Im Dunkel hört man lang gesungene Töne mit weichen Vokalen, deren Tonhöhe langsam abfällt und einen zeitlosen Zusammenklang suggeriert. Doch allmählich wird der Raum von harten Konsonanten aus sich wiederholenden Ausschnitten historischer Reden und Proklamationen aus der Zeit der Unruhen überwältigt.
Je nach Standort, in der Nähe zu bestimmten Lautsprechern, erhält das Publikum eine andere Perspektive. Mal dünkt man sich diesseits, mal jenseits der Grenze. Die Verteilung ist ebenso zufällig, wie es Zufall ist, an welchem Ort, in welcher politischen Situation ein Mensch aufwächst.

Enniskillen
Dylan Quinn stammt aus dem zwanzig Kilometer nördlich gelegenen Enniskillen, Nordirland. Hier wurden zum Höhepunkt des Konflikts, der von Ende der 1960er Jahre bis 1998 dauerte, etwa 3500 Menschen getötet. Quinn ist Jahrgang 1974, dem Jahr, in dem die Zahl der Todesopfer erstmals die Tausendermarke erreicht hat. Das tausendste Opfer dieser militärisch stark gesichterten Grenze war James Murphy, ein Tankstellenbesitzer aus Derrylin, einer Ortschaft östlich von Enniskillen.
Das letzte Werk von Anything To Declare ist ein Solotanz namens Wounded. Auch hier thematisiert Quinn die dunkel nachwirkende Geschichte dieser Grenze. Vor den Augen des Publikums auf gegenüberliegenden Sitzreihen tanzt er zum Klang seines eigenen Herzschlags. Ihm geht es um die Dualität der Sichtweisen, um beide Seiten der Grenze.



Dylan Quinn in Wounded
An einer Stelle blickt er der Linie seines ausgestreckten Arms folgend in die Zukunft. Hoffnung liegt vor ihm. Als sein Körper heftig zittert, möchte dies das Trauma verdeutlichen, das auch er erlitten hat. Die Bewegungen des Tanzes, vorpreschend und wieder zurückgehalten, verschmelzen zu einem sich wiederholenden Muster. Auch wenn sein Blick die meiste Zeit wie positiv nach vorn gerichtet ist, versichert sich der Kopf immer wieder dessen, was er vermeintlich hinter sich ließ. Wie ein Vogel, der gierig pickt, aber dem Frieden nie traut.

Dylan Quinn
„Schon als Kind, das hier aufgewachsen ist, wurde mir das Andersartige meiner Umgebung bewusst“, erzählt er. „Die Grenze schuf diese Andersartigkeit. Ich begann mich dafür zu interessieren, wie sich das in unserer Psyche, in unserem Körper und in unserem Raum ausdrückt. Natürlich hat es auch viel mit mir als Tänzer getan.“
Klar unterscheidet sich Tanz, die Körperlichkeit, vom geschriebenen Wort, diesem Träger von Botschaft, dem deutlichem Zeichen. Tanz ist schwerer fassbar, weil reicher an Bedeutungen, und weil Tanz die Ambivalenz gegenüber dem scheinbar Eindeutigen nachgerade zelebriert. Die physische Präsenz einer Person hat auch sonst nur wenig gemein mit einer eindeutigen Aussage, der symbolischen Markierung auf einer Landkarte etwa.
Karten bezeichnen überhaupt keine physische Realität. Grenzen wirken auf Landkarten wie dürre Linien. In Wirklichkeit sind Grenzen breite Zonen, deren Einfluss tief ins jeweils Innere des Landes reicht. Und: Die Grenze zwischen Finnland und Russland unterscheidet sich erheblich von der Grenze zwischen Luxemburg und Belgien; auf Karten sind beide identisch dargestellt. Sie sollen so wirken, als seien sie unveränderlich. Als würden sie überall mit gleicher Strenge gelten: Dabei werden Ortschaften und Verkehrswege von Grenzen ganz anders kontrolliert als eine öde Landschaft.
Eine Karte vermittelt auch kein Gefühl für die Beschaffenheit einer Grenze, sei sie eine umkämpfte Konfliktzone oder nur die Markierung eines Verwaltungsgebiets, die allenfalls über die Zuständigkeit von Behörden entscheidet. In der Realität aber markiert eine Grenze für alle, die in ihrer Sichtweite leben, das ständige Gefühl der Anwesenheit der Anderen, die drüben existieren. Dieses Gefühl, sagt Quinn, ist der Grund, warum er Swanlinbar so liebt.
Nur zwei Kilometer von Swanlinbarn, dem Dorf im Süden, steht auf einer Plattform ein gelber Bagger: als Denkmal für die Bemühungen der lokalen Gemeinden, die Straßen auch während der Unruhen offen gehalten zu haben. Kleinere Straßen, sogenannte Unapproved Roads, wurden von der Armee blockiert und Brücken zerstört, um den grenzüberschreitenden Verkehr ausschließlich durch die Kontrollpunkte zu leiten.
Der als The Border Buster bekannte Bagger wurde 1992 von Einheimischen für rund 3.500 Euro gekauft. Daneben steht auf einer Gedenktafel:

Dieses Denkmal ist den Männern und Frauen gewidmet, die aus allen Teilen Irlands angereist sind, um sich dem Kampf für die Offenhaltung der Grenzstraßen anzuschließen und sich den Bemühungen der britischen Streitkräfte zu widersetzen, diese geschlossen zu halten.
„Die Abschaffung der Grenzanlagen im Jahr 1998 war kein Problem”, sagt Quinn, „sie aus den Köpfen der Menschen zu verbannen, aber ist noch heute ein Problem. Immer geht es um Zugehörigkeit. Die Frage, woher man kommt, woher man stammt, überwiegt das Gefühl, Teil eines gemeinsamen Raums zu sein. Wir sprechen über Grenzen wie über feste, greifbare Dinge. Aber ihre größte Wirkung besteht nicht in ihrer tatsächlichen Existenz, sondern darin, wie sie Menschen definieren: als eine Gruppe, die nicht oder nicht länger Teil der anderen Gemeinschaft ist. Ich denke, das ist ein Problem, das wir hier ganz sicher noch nicht richtig angehen.“
Denn die Grenze bleibt, auch nach dem Wegfall physischer Barrieren. Sie ist spürbar bei jedem noch so gewohnheitsmäßigem Grenzübertritt, auch wenn nur sehr wenig noch auf die alte Grenze verweist. Alle wissen, wo sie sich befinden. Hier oder auf der anderen Seite.

Vor dem Haus des Großvaters
In seiner Einzelausstellung My Grandfather’s House hat Dylan Quinn mit großer Sorgfalt das Innere eines bescheidenen Hauses in Enniskillen rekonstruiert – die Nachbildung des Hauses seines Großvaters in der Belmore Street 23. Das Werk lädt sein Publikum ein, nur zu viert durch die Eingangstür zu treten, um entlang eines schmalen Flurs in ein Wohnzimmer in den Sepia-Tönen der 1970er Jahre zu gelangen.

Dylan Quinn in My Grandfather’s House
Inmitten gemusterter Polster und polierter Hölzer erzählt Quinn der kleinen Gruppe seine Geschichten – auch die seiner Familie. Er erzählt von seinem Großvater,1919 geboren, der sich den Royal Marines anschloss und im Zweiten Weltkrieg an ihrer Seite kämpfte. Er erzählt von seiner eigenen Kindheit in Enniskillen. Er erinnert sich an den Morgen des 8. November 1987. Es gab einen Bombenanschlag. Von seinem Fenster aus hörte er die krachende Zerstörung. Zwölf Zivilisten wurden getötet, 63 verletzt. Das Geräusch der Detonation mitten in Enniskillen wurde zur bleibenden Erinnerung an die Zeit, die „The Troubles“ genannt wird. Lebendig gewordene Erinnung an ein Ereignis gleich hinter der Fensterscheibe.

Als „The Troubles“ mit dem Karfreitagsabkommen am 10. April 1998 endeten, erkannte das Abkommen „das Geburtsrecht aller Menschen in Nordirland an, sich selbst als Iren oder Briten oder beides zu identifizieren und entsprechend akzeptiert zu werden, je nachdem, wie sie sich entscheiden“. Für diejenigen, die sich als Briten identifizierten, existierte die Grenze weiter, wenn auch nur in Gedanken. Für diejenigen, die sich als Iren identifizierten, existierte die Grenze weiter, und das sehr real – Britannien ist noch immer da.

Dylan Quinn zeigt die Aggression der Trennung
„Ich könnte mich nie als Brite bezeichnen“, sagt Quinn, der in Nordirland aufgewachsen ist: „Meine Mutter hatte damit weit weniger Probleme. Das Haus meines Großvaters bestand gewissermaßen aus diesem Widerspruch. Meine Großmutter, Tochter eines Republikaners, verehrte die Queen. Gern saß sie in diesem Wohnzimmer, um ihr im Fernsehen zuzuhören. Auf ihrem Sterbebett hingegen sang sie ein republikanisches Lied. Sie hatte einfach diese Gabe, ein Gefühl für Mehrfachidentität.“
In ihrer Weigerung, darin einen Widerspruch zu sehen, liegt auch der emotionale Kern von My Grandfather’s House. Quinns Performance erzählt nicht nur, wer er selber ist, sondern auch, warum er ist, wer er ist. Und die Grenze spielt dabei die Hauptrolle.
Tatsächlich hat sie riesigen Einfluss. In Nordirland gibt es über 32 Kilometer sogenannte Friedensmauern, die meisten davon in Belfast. Diese bis zu acht Meter hohen Bollwerke trennen nach wie vor die republikanisch-nationalistischen Iren von den irisch-loyalistischen Unionisten mit ihrem Hang zu Great Britain.
„Die Mauern”, so Quinn, „existieren aufgrund der Grenze. Warum die Mauern errichtet wurden, ist das eine. Dass sie überhaupt existieren, hat einen anderen Zweck: die Trennung der Gemeinschaft.“
Grenzen werden sehr schnell akzeptiert. Niemand denkt über sie sehr lange nach. Die Trennung wird selbstverständlich. Sie definiert eine Identität, auch wenn sie künstlich ist. Grenzen sind überdies sehr konservativ: “Einige glauben, man könne sie einfach ausradieren”, sagt Quinn, “andere aber empfinden dieses Hindernis als so sinnvoll, dass es niemals beseitigt werden sollte.“
Ernstlich debattiert wurde die Grenze erst wieder, als das Vereinigte Königreich 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmte. Als einzige Landgrenze des Vereinigten Königreichs zur EU schien die Aussicht auf eine harte Grenze, die erneut die Insel durchschneidet, nicht nur plausibel, sondern unvermeidlich. Zollstellen und Kontrollpunkte – alte Gespenster – standen kurz vor ihrer Wiederauferstehung. Während der Beratungen schickte Dylan Quinn ein Video an die nordirische Ministerpräsidentin Arlene Foster, die sich für die Wiedereinführung einer solch harten Grenze einsetzte.
„Ich habe dieses Video während eines Spaziergangs in der Nähe des Dorfes Pettigo aufgenommen und erklärt, dass es sechs oder sieben Wege in das Dorf gibt, die die Grenze auf unterschiedliche Weise queren. Während ich auf einer dieser verlassenen Straßen ins Mikrofon sprach, überquerte ich immer wieder die Grenze. Auch in Richtung Lisnaskee und Newtownbutler kann man die Grenze entlang einer Strecke von gerade mal einer Meile vielleicht sechs oder sieben Mal queren. Man geht rein und raus, rein und raus, rein und raus.“
Die Verhandlungen führten letzlich dazu, dass die britische Regierung die Grenze nicht wieder in Betrieb nahm, sondern sie an die Irische See verlegte, um den Güterverkehr der Schiffe zu kontrollieren, anstatt die Iren selbst. Der Border Buster-Bagger konnte auf seinem Podest bleiben.
Fulcrum ist ein Duo von Quinn gemeinsam mit der deutschen Tänzerin Jenny Ecke. Dieses Werk des Dylan Quinn Dance Theater stößt hier an der alten Grenze auf besondere Resonanz. Das Publikum beobachtet ein sich stets veränderndes Machtgleichgewicht zwischen dem Paar. Die beiden agieren in unmittelbarer Nähe zu einander, umschlingen ihre Gliedmaßen, ringen miteinander als wolle dieses Duo ihre Abhängigkeiten und die sich ständig verändernde Macht in ihrer Beziehung ausloten. Anderswo wäre es als ein Paarkonflikt gelesen worden. Hier an der Grenze liest das Publikum dieses Ringen um die Macht anders, denn, so Dylan Quinn

Jenny Ecke und Dylan Quinn auf ihrer künstlichen Brücke zwischen Nordirland und der Republik Irland
„Weil wir die Bühne westlich von Eniskillen über den Fluss zwischen Kiltyclogher in Irlands Südhälfte und Cashel in seiner Nordhälfte bauten, liegt die Bühne buchstäblich mitten auf der Grenze. Zwei Körper auf einer schwarzen Fläche, die über der Grenze zu schweben scheinen. Das ist ein magischer Moment. “
Das Publikum ist vom Kiltyclougher Community Centre in einem Bus hierher gebracht worden. Eine kurze Fahrt über kurvige Landstraßen. Die Abendsonne verschwindet hinter grauen Wolken. Jenny Ecke und Dylan Quinn gehen am Grenzfluss in langsamen, aber zielgerichteten Schritten auf die schwarze Bühne zu. Dort nehmen beider Tempo und Intensität zu. Ihre Bewegungen sind geprägt von Abhängigkeit und Kontrolle. Gesang und die orchestrierte Musik von Andy Garbi nehmen die Bewegungen der beiden auf. Die Macht des einen Körpers gegen den anderen Körper verlagert sich von intimen zu aggressiven Bewegungen, die alles andere als eine private Beziehung zum Ausdruck bringen, sondern sich auf den Kontext fokussieren, auf den Raum selbst, die Grenze, die für sie nicht nur eine politische Trennlinie ist, denn:

Trespassing: Grenzausblicke
„Diese Grenze ist für mich als Künstler auch ein Identitätsbooster. Wir sind in Nordirland kulturell nicht sehr selbstbewusst. Wie könnten wir es auch sein? Was sollte die kulturelle Identität dieses Teils von Irland überhaupt sein?“ Die Tatsache, dass hier eine Grenze verläuft, zwingt einfach zu der Frage: Was genau trennt die Menschen auf der einen Seite von denen auf der anderen Seite? Jede Seite erfindet ihre Sichtweise auf einen Konflikt aus ferner Vergangenheit. Zwei Sichtweisen, zwei Geschichten, die sich aufs Komma gleichen. Nur die Schuldfrage wandert über die Grenze – immer zu den anderen.

Fulcrum
„Ich habe stets darauf bestanden, dass ich in der Grafschaft Fermanagh arbeite. In Bezug auf meine professionelle Arbeit ist das sicher ein Nachteil. Denn meine Arbeit hier am Rand wird sicher nicht auf die gleiche Weise geschätzt, wie sie etwa in Belfast bemerkt werden würde. Aber dieser Ort ist wichtig. Er ermöglicht es mir, Turbulenzen und Traumata kennenzulernen, eine zuweilen tief verborgene historische Erfahrung bei den Menschen, die hier leben. Das vor allem ist für mich von einem unschätzbaren Wert,“ sagt Dylan Quinn und wird weiter tanzen. An den Ufern dieser Grenze, die niemand will, die niemand braucht, die aber noch immer, in jedem Schulbuch, jedem Gechichtsbuch, auf jeder Landkarte so verzeichnet wird, als gebühre ihr die Ewigkeit.