In der Lichtburg entstand das Gesamtwerk von Pina Bausch. Heute bespielt sie eine nächste Generation. Ein Ort, der hellhörig macht für das, was vor den Türen Wuppertals passiert. Draußen regnet es, wie immer.
Na Püppi!
Als ich vorhin an der Station Alter Markt nicht in die Schwebebahn Richtung Elberfeld gestiegen, sondern die Stufen wieder hinunter zur Straße gegangen bin, sagte ich mir mit Blick auf den Nieselregen über dem Fluss, dass Wuppertal mit Sonne besser ist als Wuppertal ohne Sonne. Traf auf jede Stadt zu, schon klar, aber die Tatsache blieb: ich hatte meine Einkäufe im Probenraum Lichtburg vergessen. Heute war Rosenmontag, und die Gesichter der Vorübergehenden waren müde, und meines wahrscheinlich auch. Wuppertal ist keine Sonntagsstadt, hat Pina Bausch einmal gesagt, Wuppertal ist eine Montagsstadt, und das sei gut so. Das brauche sie. Aus einer alten Kindergewissheit heraus bin ich mit sechzehn in Wuppertal vortanzen gegangen. Ich wollte so viel wie möglich zwischen mich und meine Herkunft aus einer kleinen Nachbarstadt keine zehn Kilometer östlich von hier schieben. Ich wollte in meinem Leben an etwas teilhaben, das Sinn machte. Ich wollte ETWAS, trotz Zahnspange, die aus einem Mädchen ein dummes Mädchen machen kann. Besser wusste ich es damals und weiß ich es heute nicht zu sagen, während ich wegen einer vergessenen Penny Tüte mit Einkäufen schon wieder vor dem Rolltor des Probenraums Lichtburg stehe. Vor gut zehn Minuten habe ich das Tor mit einem siebenstelligen Code verriegelt.
Na, was machst du denn hier, Püppi?
Ob meine Einkäufe noch oben im Saal rechts neben der Drehtür stehen, die links in der Ecke vom Tanzabend Café Müller eine Hauptrolle spielt, bis heute?
Prost, Püppi!
Auf der Flasche, die er hochhält, steht Wodka. Guten Abend, Flasche, sage ich und schaue die Flasche an. Herbi, sagt er, das ist Herbi, so wie ich. Er schüttelt seine Flasche, kommst du jetzt öfters, Püppi? Ich bin von hier, sage ich und schaue die Straße entlang. Von hier? Er zeigt mit dem Daumen auf das Rolltor. Das Großgelenk ist tätowiert. Ich zeige Richtung Kleinstadt, aus der ich komme: Von da, sagte ich.
Vor der Kneipe nebenan tanzen Piraten und Zigeunerinnen, Bienen und Affen. Sie tanzen dem Rosenmontag was vor. Wie oft bin ich diesen Weg lang gegangen, zum Kieferorthopäden, Richtung Elberfeld, oder ins Kino, Richtung Langerfeld?
Na Püppi, ganz frisch bist du auch nicht mehr, sagt Herbi 1 jetzt, ist nähergekommen und hat einen Schluck aus Herbi 2 genommen. Tschö, sage ich, schönen Restrosenmontag noch. Ich gehe auf das Rolltor zu, gebe den Code ein und fahre es wieder hoch.
Püppi! du kommst zu spät! Viele Jahre zu spät! Herbi 1 setzt die Wodkaflasche an, setzt sie wieder ab.
Die Nonne mit den Bergschuhen ist nicht mehr, die hat abgetanzt!
Was redet der Typ da, denke ich. Ein Journalist hat in den 70er Jahren Pina Bausch mal als Nonne mit den Bergschuhen bezeichnet. Wie lange bist du schon hier, Herbi, frage ich.
Ich war schon hier, als in dem Haus da noch Pornofilme liefen. Er dreht sich weg und rülpst. Ich habe sie alle gesehen, alle! Er redet und lallt, als ob er sich die Geschichte selbst erzählt.
Was, die Pornofilme? Nein, die Künstler! Affektiert wiederholt er: die Künstler! Und, die Tänzerinnen, die Lachenden und die Weinenden. Und am Ende des Tages kam immer die Nonne raus und schloss die Türe ab. Sie trug keine Bergschuhe mehr, nun hatte sie schicke schwarze Herrenschuhe an, und stieg immer in ein Taxi.
Herbi lächelt abwesend: Nach dem Sommer kamen immer ein paar neue Gesichter dazu, junge, schöne lachende Gesichter. Andere kamen nicht mehr wieder, meistens die Traurigsten. Nur die Nonne blieb, die Nonne mit ihren engsten Vertrauten. Und eines Tages blieb auch die Nonne weg. Herbi hält inne, irgendwie hilflos, und fügt hinzu: Seitdem schwirrt das Bienenvolk ohne Königin verloren und aufgeregt hier rein und raus … Er schweigt, schaut auf das geöffnete Rolltor, als ob er plötzlich nüchtern sei, und summt eine Melodie. Dann singt er mit überraschend zarter Stimme: Frühling und Sonnenschein, soll für mich deine Liebe sein, was ich zu träumen nie gewagt, das hat dein Kuss mir gesagt …. Abrupt bricht er ab.
Die sollen das nicht mehr spielen! Sag es ihnen. Die Nonne ist doch nicht mehr!
Er nimmt einen großen Schluck aus seiner Wodkaflasche und verscheucht mich mit einer Handbewegung. Geh jetzt Püppi, los Abflug, und sag es ihnen ……. Ich schaue in meine Handfläche. 784 53 04. Ich gebe den siebenstelligen Code ein, der einer Berliner Telefonnummer ähnelt, zu der ich keinen Namen mehr weiß. Während das Rolltor sich hinter mir wieder schließt, sehe ich, wie am Bordstein ein Taxi hält. Die Beifahrertür geht auf, und dann ist das Tor zu. Ich habe nicht mehr sehen können, ob vielleicht jemand in schicken schwarzen Herrenschuhen ausgestiegen ist. Nur Stimmen höre ich, vor allem die von Herbi 1 und darin den Widerhall von Herbi 2, alias Wodkaflasche. Und, bleibst du jetzt über Nacht, Püppi? echot es bis zu mir, während ich im überheizten Treppenhaus zum Probenraum hinauf gehe, den sechs Jahr nach dem Tod der Nonne ein Museum originalgetreu mit spinatgrünen Wandbespannungen und dem Regietisch plus Aschenbecher drauf nachgebaut hat. Tänzer und Tänzerinnen probierten dort, in der Reproduktion, ihr vieldeutiges, vielversprechende Wuppertaler-Tanztheater-Lächeln noch einmal aus.
Warum eigentlich?
Offenbar möchte man zu gänzlich verschiedenen Zeiten im Leben von ein und demselben Gefühl überrascht werden.
Meine Penny Tüte steht nicht mehr neben der Drehtür vom Café Müller, als ich das Licht im Saal anschalte, in dem immer, egal welcher Tag wirklich ist, irgendwie die Stimmung eines Samstags herrscht. Jemand hat meine Einkäufe weg-oder-mitgenommen? Die Putzfrau aus Südamerika, die kleiner ist als der Besen, auf dessen Riegel mit den zerdrückten Borsten PINA steht? Jemand vom Tanztheater, der auch vegetarisch lebt, also jemand von den jüngeren? Ein Geist in Bergschuhen, auf der Suche nach der Erinnerung an eine Erinnerung? Durch trockene Heizungsluft gehe ich die Treppe hinunter und lasse das Rolltor noch einmal hoch. Schon wieder, stöhnt es leise, und während es sich fast widerwillig öffnet, sehe ich Herbi und seine Wodkaflasche, wie sie auf den Eingangsstufen sitzen. Sie sind nicht mehr allein. Eine weibliche Bohnenstange sitzt dabei, so dass die drei aussehen wie Vater-Mutter-Kind. Am Bordstein steht das Taxi. Herbi dreht sich um: Das ist kleine Anna! Er schlägt der weiblichen Bohnenstange zärtlich auf den Hinterkopf, und kleine Anna steht wie aufgefordert auf, ist ungefähr zwei Meter groß und hat ihr Tattoo nicht am Daumen, wie Herbi, sondern im Gesicht. Als mein Blick sich von ihrer Wange nicht lösen kann, sagt sie: ich hab noch eins, ein noch schöneres, und zieht ihren Jackenärmel hoch. Auf dem dünnen, bleichen Unterarm steht PINA, umschwirrt von zwei Nachtfaltern oder zwei Motten? Pina ist meine Jüngste, sagt kleine Anna, und Entschuldigung bitte, der Rosenmontag ist nicht meine Zeit, er ist nur dazu da, um zu vergehen. Dann lasst uns doch ein Stück den Fluss entlanglaufen, sagt Herbi, in einem Ton, als sei dort der Tag wärmer. Wieder summt er Frühling und Sonnenschein, soll für mich deine Liebe sein … Was bist du denn plötzlich für einer, fragt kleine Anna und nimmt die Wodkaflasche von den Treppenstufen, während Herbi lächelt, und ich so sehe, seinem Lächeln fehlen fast alle Zähne.
Übrigens, nur mein Vater nennt mich noch kleine Anna, und du kannst gern Lange Anna zu mir sagen.
Wir gehen zu dritt, Lange Anna in der Mitte, weil sie die Größte ist. Als wir an der Kneipe vorbeikommen, wenige Schritte von dem Ort entfernt, wo Schwebebahn, Fluss und zwei dicht befahrene Straßen einander kreuzen, kommt uns ein versprengter Matrose entgegen, der seine Rosenmontagsmannschaft sucht. Ein Stück begleitet uns ein einsamer Passant in Ringelkniestrümpfen und Adiletten, der Anschluss sucht. Wahrscheinlich hält der Lange Anna und Herbi für zwei Kostümierte und mich für den Beifang. Anna spielt für ihn einen Moment mit allen zehn Fingern Klavier in der kalten Februarluft, und Herbi tänzelt auf einen Fußgängertunnel zu. Wir anderen folgen. Ich glaube die Tanzschrittchen schon mal gesehen zu haben. Herbi bleibt stehen. Ich muss zurück, sagt er. Vielleicht brauchen sie mich! Und Anna meint darauf genervt: Niemand braucht dich mehr dort, niemand!
Herbi dreht sich um, will ernsthaft zurück. Anna schaut mich an und verdreht die Augen: Solange ich lebe, seit 46 Jahren, wartet er darauf, noch einmal gebraucht zu werden, nochmal mittanzen zu dürfen. Ich hab sie doch gesehen, murmelt da Herbi, sie gingen an mir vorbei, jeden Tag, wochenlang. Ich schaue Anna an und sie verdreht schon wieder die Augen. Das scheint ihr Lieblingskommentar zu sein. In langsam wendet sich Herbi mir zu und kommt ganz nah. Ich kann seine Alkoholfahne riechen, während er mir tief in die Augen schaut. Dann bricht es aus ihm heraus: Ich, ich habe sie alle erkannt! Aber…
Herbi holt Luft und brüllt mir ins Gesicht: Aber sie haben mich nicht erkannt, wollten mich nicht erkennen, sind jeden Tag an mir vorbei gegangen! Und dann haben sie jeden Tag, stundenlang, Frühling und Sonnenschein und all die anderen Lieder aus dem alten Kontakthof gespielt … er senkt den Kopf, und ich höre ihn sagen: Ich hab doch mit ihnen auf der Bühne gestanden! Und wie in einem Selbstgespräch murmelt er noch: Aber das macht doch gar keinen Sinn, ohne die Nonne macht das doch gar keinen Sinn. …
Anna legt ihren Arm um seine Schultern: Lass gut sein, Papa, lass uns nach vorne schauen. Wenn ich nach vorne schaue, knurrt Herbi zurück, also wenn ich nach vorne schaue, sehe ich den Friedhof.
Wir drei gehen die Treppe zum Fußgängertunnel hinunter, und Anna sagt: Friedhof, so was wie Friedhof habe ich neulich auch auf der Bühne gesehen. Da drüben! Sie zeigt auf ein Graffiti an der Tunnelwand. Daneben hängt ein runtergekommener Wegweiser von der Stadtverwaltung Wuppertal. Opernhaus steht da drauf. Da, sagt Anna, da drüben haben sie nicht lange vor Weihnachten nachmittags das Stück gezeigt, in dem du 1978 mitgetanzt hast, Papa, und abends haben sie dann ein Echo auf das Stück, so ein Echo from 78 gezeigt, in den welche aus dem ersten Kontakthof getanzt haben, aber du nicht. Sei froh, Papa, sie waren wie alte Puppen. Das war traurig. Aber auch ein bisschen schön traurig. Aber so ist das. Wir waren alle mal jung und dann nicht mehr.
Und haben sie denn auch schön ausgesehen, die Traurigen?
Doch schon, sie hatten schöne Kleider an, sagt Anna. Sie hüpften rum, als ob sie sie noch jung wären? Warum tanzen sie nicht wie Alte?
Bin ich auch alt, fragt Herbi.
Ja, sagt Anna, alle die nur zurückschauen sind alt, und Herbie greift böse nach dem Arm seiner Tochter: Und du, wie bist du eigentlich an die Karten gekommen?
Ach, geschenkt, sagt Anna.
Während wir weiter durch den Fußgängertunnel gehen, der ganz im Sinn der Wuppertaler Stadtverwaltung alle sicher auf alle Straßenseiten und auch zum Fluss bringen soll, ohne dass zwei, drei vier SUWs hupend angreifen, oder die Schwebebahn auf den Kopf fällt, frage ich in die kalte Luft des Rosenmontags hinein: Wie rückwärtsgewandt darf Bühnenkunst eigentlich sein?
Puh, sagt Herbi.
Die Nonne hat doch einmal den Bühnentanz erneuert, oder?
Puh, wiederholt Herbi, jaja, und sie hat sich jede Vorstellung angeschaut, um am nächsten Tag zu korrigieren und zu feilen, ja, So-und-So-und-So, sagt Herbi. Wieder macht er Tanzschrittchen und auch Armschwünge, die mir bekannt vorkommen, bis Anna erneut ihren Arm um seine Schultern legt, damit er sich nichts auskugelt. Jeden Tag hat sich Pina ein bisschen neu erfunden, und uns auch, sagt Herbi und sieht plötzlich noch müder aus als eben noch. Und heute, frage ich, machen sie Kopien von Kopien von Kopien? Warum dieser Drang, so verklärend rückwärts zu schauen? Weil, sagt Herbi, und dann schweigt er.
…weil, der Blick nach vorne nichts Rosiges verspricht, sagt Anna, weil die Leute einfach vergessen, dass ein Kontakthof nicht nur Kunst im Opernhaus, sondern eigentlich so ein Laufhaus ist, wenn man die Nutten von der Straße haben will, und nach außen sieht so ein Bordell auch mal wie ein Mädchenheim aus. Ich weiß, wovon ich da rede, ich hab mal in der Genügsamkeitsstraße in Elberfeld gewohnt, direkt gegen über so einem Kontakthof.
Stimmt ja gar nicht, sagt Herbi.
Stimmt doch, sagt Anna, und genau das kommt ursprünglich im Kontakthof von der Nonne auch vor:
Was?
Wie Spiele gespielt werden; sagt Anna, von einem Haufen von Männern, die solche Spiele mögen, und die Zuhause keiner mit ihnen spielen will. Also gehen sie runter in einen fremden Hof in der Nachbarschaft. Das hat die Nonne alles gewusst.
Kind, sagt Herbi.
Obszön, sagt Anna, und sag bitte nicht Kind zu mir.
Sie wechselt die Seite. Jetzt geht sie links von mir, und ich bin in der Mitte zwischen Herbi und ihr, als wollte sie so viel Abstand wie möglich zwischen sich und ihn schieben, der ja auch ihre Herkunft ist. Weißt du was Papa, sagt sie und bleibt stehen, du magst mich eigentlich nicht, ja, du magst mich einfach nicht, wie manche Menschen keine Äpfel mögen und kein Grün. In meinem Fall war ich ein grüner Apfel, und der Mensch dazu warst du….
Herbi dreht wortlos um und geht zurück Richtung Lichtburg. Wieder verdreht Anna die Augen und geht ihm hinterher. Von Fern höre ich ihre Stimme, die immer höher wird: Mama ist in Australien und züchtet Schafe, und du kriegst seit vierzig Jahren deinen Arsch nicht vom Fleck!!!
Am Ende ist ihre Stimme so hoch, dass ich mir vorstelle, sie ist wieder ein ganz kleines Mädchen, die Lange Anna, sobald sie ihren Vater eingeholt hat. Ob sie nach Herbis Hand greift? Ob sie so zurück zur Lichtburg gehen? Ich jedenfalls laufe jetzt auf eine Treppe im Tunnel zu, die nach oben Richtung Wupper führt. Schon klar, denke ich, die Nonne war immer eine Vorausgehende in schweren Schuhen, war eine, die mit Wuppertal als sicheren Ort im Rücken, sesshaft werden konnte in der eigenen Sehnsucht. Ob Anna neulich im Opernhaus also doch mehr als einen Friedhof auf der Bühne gesehen hat? Warum sonst hat sie gesagt, dass es traurig, aber auch ein bisschen schön traurig war? Hat sie nicht mehr als einen Friedhof gesehen und mehr als ein Echo aus dem Jahr 78 gehört? Hatten die jetzt Alten, die die Jungen von damals waren, einen neuen Raum geschaffen, genau durch ihr Altsein? Tanz und Trauerarbeit gehören nicht nur in Wuppertal zusammen wie Hefe und Teig. Diese Übriggebliebenen aus dem Jahr 78 hatten vielleicht mit Vertrauen zueinander und Vertrauen zu den alten Gesten etwas gefunden, das – wenn vielleicht auch oft unfreiwillig – neu war? Rilke hat einmal geschrieben … das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Auch das, ganz schön schrecklich, oder? Ich gehe an diesem Rosenmontag am schwärzesten Fluss entlang, der auch sonntags sehr schwarz durch dieses Wuppertal fließt, und werde gleich noch einmal zu Penny müssen, sonst habe ich heute Abend nichts zu essen.
